Reisezüge mit Namen von und nach Berlin
Einzelne besondere Zugverbindungen bzw. Zugpaare der Deutschen Reichsbahn trugen zusätzlich einen eigenen Namen. Insbesondere galt das für internationale Zugverbindungen und den Städteexpress-Zügen, womit sie in Kombination mit der Zugnummer ein Alleinstellungsmerkmal aufwiesen. Das Reisen mit einem derartigen, dadurch besonderen Zug sollte sich für die Fahrgäste natürlich auch besonders anfühlen. Z.B. führten diese Züge meist höherwertige Waggons (Abteile auch in der 2. Klasse), sie waren wegen seltener Halte schneller und ein Sitzplatz musste im Vorfeld reserviert werden.
Die Reichsbahn bot etliche solcher, meist internationaler Verbindungen an, und das auch zu Reisezielen, von denen die meisten DDR-Bürger nur träumen konnten. Denn Reisemöglichkeiten ins westliche Ausland gab es nur für handverlesene Minderheiten und Rentner. Damit wollte der "demokratische" deutsche Staat vor allem die Abwanderung von hoch qualifizierten Fachkräften unterbinden. Nur bei Bürgern mit staatlicher Altersrente legte die DDR-Obrigkeit keinen Wert auf Rückkehr. Da es nach den Gesetzen der Bundesrepublik auch im geteilten Deutschland nur eine Staatsbürgerschaft gab, musste sich dann eben der "Klassenfeind" um deren Wohlergehen kümmern.
Der erste internationale Reisezug der Deutschen Reichsbahn, welcher die Hauptstadt eines nichtsozialistischen Staates ansteuerte, war der "Vindobona". Am 06.01.1957 fuhr dieser legendäre Zug erstmals auf dem Berliner Ostbahnhof ab, mit dem Fahrtziel Wien. Man wird sich vielleicht fragen, wieso überhaupt Bedarf an solch einer internationalen Verbindung bestand? Gedacht war das freilich nicht als Verbesserung der Reisemöglichkeiten für den normalen DDR-Bürger. Nein, diese Schnellverbindung, die kürzeste auf der Schiene zwischen Berlin und der Donaustadt überhaupt, sollte nur harte Devisen einfahren. Deshalb legte man in der Hauptstadt der DDR großen Wert auf funktionierende Anschlüsse, sollten es doch auch die Transitreisenden von und nach Skandinavien möglichst bequem haben. Ab dem Jahre 1965 liefen auf dieser Verbindung die eleganten Neubau-Triebwagen der BR SVT 18, deren Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h auf Reichsbahn-Gleisen allerdings nicht ausgefahren werden konnte. Ab dem Jahre 1979 fuhr dieser Expresszug mit Lokbespannung, da den Österreichern äquivalente Triebwagen für den "Naturalien-Ausgleich" fehlten. Mit anderen Worten, jede der beiden Bahnverwaltungen musste für diese Leistung turnusmäßig für jeweils zwei Jahre die Fahrzeuge stellen und die ÖBB konnten bei Schnelltriebwagen nicht mithalten. Offiziell wurde diese Maßnahme natürlich als Verbesserung des Platzangebotes verkauft.
Die Züge im Reiseverkehr zwischen der DDR und der Bundesrepublik trugen auffälligerweise keine so klangvollen Namen, man sprach hier einfach von Interzonenzügen. Diese verbanden eine Reihe von Reichsbahn-Bahnhöfen mit dem "Westen" und durften im DDR-Binnenverkehr von jedermann benutzt werden. Je nach politischer Stimmung änderte man im Sprachgebrauch der Reichsbahn die 1946 geprägte Bezeichnung "Interzonenzug". Zudem war der Begriff "Zone" durch die Verwendung im westlichen Sprachgebrauch zur Abwertung der kleineren deutschen Republik inzwischen recht negativ belegt. So sprach man in den 1960er Jahre von "Zügen DDR - Westdeutschland", in den 1970ern wurde das Klima etwas milder und die offiziellen Staatsbezeichnungen "DDR" und "BRD" setzten sich für diese Reisezüge (zumindest von DDR-Seite) durch. Im Fachjargon hießen diese Verkehrsangebote völlig emotionslos "Wechselverkehrszüge".
In Anspielung an die meist älteren Reisenden prägte der DDR-Volksmund dafür auch den Namen "Rentner-Express". Gefürchtet waren bei diesen Zügen die umfangreichen und äußerst gründlichen Grenzkontrollen. Beispielsweise stand der Rostocker Interzonenzug bei Ein- und Ausreise in die DDR 40 Minuten in Herrenburg. Die Grenzer nahmen sich dann jeden Winkel vor, beispielsweise wurde mit Spiegeln jede noch so kleine Ecke nach illegalen Dingen oder Flüchtlingen abgesucht. Besonders allergisch reagierte man bei der Einreise auch auf westliche Druckerzeugnisse. Zu Zeiten der Dampftraktion entsorgte man solche Machwerke des freien Journalismus vielmals gleich in der Feuerbüchse der Zuglok, eine äußerst praktische Angelegenheit! Dieses Kapitel deutscher Geschichte endete schließlich mit dem "Mauerfall" am 9. November 1989.
Natürlich fuhr die Deutsche Reichsbahn auch zahlreiche internationale Züge in das befreundete sozialistische Ausland. So setzte beispielsweise das DDR-Reisebüro "Jugendtourist" spezielle Züge ein, welche unter dem Namen "Tourex" (Touristenexpress) speziell von Jugendlichen zu äußerst moderaten Preisen genutzt werden konnten. Überhaupt waren diese Reisen in die Bruderländer für jedermann erschwinglich, denn ein Bahnkilometer kostete im internationalen Tarif (2. Klasse) gerade einmal 2 Pfennige der DDR.