Interzonenzüge
Schienenverbindungen über die innerdeutsche Grenze
Der Interzonen-Reiseverkehr hatte seine Merkwürdigkeiten, seine positiven wie negativen Seiten, er stand oftmals unter vielen Fragezeichen – und doch war er eine Klammer für das getrennte Deutschland. Eine einschneidende Veränderung erlebte das Verhältnis Ost-West durch den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Das bedeutete: jetzt auch an der Grenze zu West-Berlin Todesstreifen, Tag und Nacht hell beleuchtete Grenzsperren, Hundelaufanlagen, Selbstschuss-Anlagen. All diese Scheußlichkeiten machten eine Flucht nach Westen fast unmöglich. Nicht wenige versuchten anfangs deshalb, mit Hilfe der Interzonenzüge zu fliehen. Sie riskierten ihr Leben – und so mancher bezahlte den Versuch mit Verletzung oder Tod. Der Grenzbahnhof Friedrichstraße in Berlin war ein Beispiel dafür, wie genau es die DDR-Behörden mit der Kontrolle nahmen. Über den Zügen standen unter dem Bahnhofsdach Grenzpolizisten mit der Waffe im Anschlag, unter den Zügen suchten Hunde nach versteckten Flüchtlingen. Auch die Zusammensetzung der Reisenden hat sich seit diesem Tag geändert. Westberliner und Westdeutsche mussten zwar Schikanen über sich ergehen lassen, wenn sie zwischen der Bundesrepublik und Westberlin reisten. Aber sie durften wenigstens fahren. Anders die DDR-Bewohner. Jetzt sprach man von "Rentner-Zügen", die zwischen Ost und West verkehrten. Bis in die achtziger Jahre war die DDR wohl das einzige Land in Europa, in dem die meisten Menschen gar nicht schnell genug alt werden konnten. Männer mit 65, Frauen mit 60 Jahren durften in den Westen reisen, wenn sie die Rentengrenze überschritten hatten – vorausgesetzt, dass sie auf Grund ihrer früheren Tätigkeit keine "Geheimnisträger" waren. DDRler im Rentenalter bestimmten über zwei Jahrzehnte lang das Gros der Reisenden zwischen DDR und Bundesrepublik.
Offiziell blieb der innerdeutsche Zugverkehr auch nach dem Bau der Mauer fast unverändert, doch wurde hinter den Kulissen ein umfangreicher Kontrollapparat aufgebaut und in Gang gesetzt. Am 4. September 1961, drei Wochen nach dem Bau der Mauer, teilte der Kommandeur der deutschen Grenzpolizei im DDR-Ministerium des Innern dem Stellvertreter des Ministers für die bewaffneten Organe "Änderungen im Reise- und Güterzugverkehr für internationale Züge sowie Züge im Verkehr zwischen den beiden deutschen Staaten" mit. Seinem Bericht zufolge habe "das Ministerium für Verkehrswesen ... einen detaillierten Plan erarbeitet, der den gesamten Verkehr zwischen Berlin und dem Ausland und Westdeutschland neu regelt". Dabei seien "folgende Prinzipien zu Grunde gelegt" worden: "Sämtliche Reisezüge im internationalen Verkehr und Verkehr zwischen Berlin und Westdeutschland fahren mit verschlossenen Türen durch die DDR bis zum jeweiligen Grenzbahnhof an der Staatsgrenze ... Das Ein- und Aussteigen ist nur an den Grenzbahnhöfen möglich …"
Auch der Verkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik blieb in den sechziger Jahren von Schikanen begleitet. Dies änderte sich nach Abschluss der Ostverträge, vor allem mit dem Abkommen zwischen den Regierungen der DDR und der BRD über den Transitverkehr von zivilen Personen und Gütern zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) vom 17. Dezember 1971. In der Regel fand in den durchgehenden Zügen nur eine Personenkontrolle statt. Eine weitere "Normalisierung" brachte der Vertrag zwischen der DDR und der BRD über Fragen des Verkehrs vom 26. Mai 1972.
In den achtziger Jahren tauchten unter den Reisenden aus der DDR jüngere Gesichter auf. In dringenden Familienangelegenheiten durften jetzt DDR-Bürger schon vor Erreichen des Rentenalters Besuche in Westdeutschland machen. Meist war es so, dass zumindest ein Ehegatte oder die Kinder als "Geiseln" zurückbleiben mussten. Die meisten dieser jüngeren Reisenden kehrten wieder in die DDR zurück. Aber mancher seufzte doch im privaten Gespräch: "Am liebsten würde ich hier bleiben." Der Fall der Mauer am 9. November 1989 öffnete endlich die innerdeutsche Grenze für alle. Die schnell beschlossene und verwirklichte Vereinigung de beiden deutschen Staaten im Oktober 1990 machte auch den Interzonenreiseverkehr – dieses Überbleibsel aus dem „Kalten Krieg“ überflüssig.
Trotz aller Widrigkeiten und der extremen Langsamkeit, mit der diese Züge von Ost nach West fuhren, brachte der Interzonenverkehr doch ein wenig Menschlichkeit in die deutsche Teilung. Er verhinderte, dass die Deutschen in Ost und West sich völlig auseinander lebten. Ohne die Interzonenzüge wäre das Klima in Deutschland kälter gewesen.