Realsozialismus in West-Berlin
Eine der merkwürdigsten deutsch-deutschen Geschichten ist die der Deutschen Reichsbahn in West-Berlin, wo der Osten buchstäblich durch den Westen fuhr. Tausende Menschen arbeiteten zu Mauerzeiten für Westmark in einem DDR-Betrieb mit Poliklinik über Parteisekretäre bis zu Materialmangel. Denn die Deutsche Reichsbahn war bekanntlich ein DDR-Betrieb, dem nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten auch die Zuständigkeit für den Eisenbahnbetrieb in den Westsektoren der Stadt übertragen worden war. Ein Status, an dem im Kalten Krieg nicht zu rütteln war, ohne dass man schwerste Turbulenzen im fragilen Verhältnis zwischen Ost und West ausgelöst hätte. So sicherte im Kalten Krieg die Deutsche Reichsbahn der DDR den Eisenbahnbetrieb auch im Westteil der Stadt, wo die Züge nach sozialistischem Fahrplan fuhren. Tausende Beschäftigte, mehr als 300 Kilometer Schienenwege und ein Netz von Gebäuden, Anlagen gehörten zum einzigen sozialistischen Großbetrieb in West-Berlin. Mit Aktivisten, Brigaden, Parteileitung, Plan und Wettbewerb. Mit Marx und Thälmann an der Wand, mit wehenden DDR-Fahnen am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der DDR, auf den West-Berliner S-Bahnhöfen.
Die Reichsbahn wurde im Westen Berlins zu einem Faustpfand der Westmächte und einer kommunistischen Trutzburg, zu einem Zankapfel des Kalten Krieges und zu einem delikaten deutsch-deutschen Geschäft. Auch das einstige Herzstück des gesamten Berliner Verkehrsnetzes, die S-Bahn, lag in der Obhut des DDR Verkehrsministeriums. Bis August 1961 fuhren Hunderttausende West-Berliner Fahrgäste täglich mit ihr. Nach dem Mauerbau kam es zum Boykott, "Kein Westgeld für das Ulbrichts Stacheldraht" hieß die Devise. So verkam die S-Bahn zu einer "Geisterbahn", ein immer größeres Verlustgeschäft für die DDR. Allmählich verwahrlosten die Bahnhöfe, wurden Strecken stillgelegt. Die S-Bahn wurde zum "Schmuddelkind" in West-Berlin.
Trotzdem gab die DDR diesen besonderen "Außenposten des Sozialismus" nicht so schnell auf, pochte immer wieder auf ihre Hoheitsrechte. Schließlich kam es zum Tabubruch im sozialistischen Betrieb, es gab Entlassungen, dann Streik. Nach jahrelangem Hin und Her erfolgte Mitte der achtziger Jahre die Übergabe der S-Bahn an die BVG West-Berlins. Die Deutsche Reichsbahn war für die Beschäftigten jahrelang eine Art "Familienbetrieb". Für die meisten West-Berliner aber war sie ein Schandfleck. Der Job bei der Reichsbahn blieb aus ideologischen Gründen verpönt. Die Eisenbahner kamen fast alle aus West-Berlin, sie galten als "Fünfte Kolonne der SED" – eine abgeschlossene Welt voller "Grenzerfahrungen" zwischen Ost und West.