Die Festung Bahnhof Friedrichstraße
Ein Bahnhof unter totaler Kontrolle
Der Berliner Bahnhof Friedrichstraße war das Nadelöhr für Zugreisende aus dem Westen in den Osten – und stand unter totaler Kontrolle. Der S-, U- und Fernbahnhof Berlin-Friedrichstraße lag bis zum Fall der Mauer im Ostteil der Stadt. Zwar verlief die Mauer als Grenzbefestigung gegen West-Berlin überirdisch rund 1500 Meter entfernt. Dennoch zählte der Bahnhof zu den wichtigsten Grenzübergangsstellen zwischen beiden Hälften der Stadt. Im Bahnhof Friedrichstraße endeten die S-Bahn-Züge aus dem Ostteil der Stadt. Zugleich fuhren von hier aus auch S-Bahnen nach West-Berlin, im unterirdischen Bereich verkehrten S- und U-Bahnlinien und auf dem Fernbahnsteig fuhren Schnellzüge über West-Berlin in die Bundesrepublik ab.
Unmittelbar nach dem Mauerbau wurde damit begonnen, den Bahnhof zu einer hermetisch abgesicherten Festung umzugestalten. Das Schienennetz der S-Bahn wurde am Bahnhof gekappt. Damit wurde verhindert, dass S-Bahn-Züge aus dem Osten in den Westteil weiterfahren konnten. Aber auch Prellböcke, automatische Stromunterbrechungen, Zäune, Gitter, Wachtürme und nicht zuletzt bewaffnete Grenzer und Mitarbeiter der Staatssicherheit sorgten dafür, dass es am Bahnhof Friedrichstraße nur relativ selten zu Fluchtversuchen kam. Sichtblenden sorgten dafür, dass der "Ostbahnsteig" von den beiden "Westbahnsteigen" nicht einsehbar war.
1962 wurde für den regen Grenzverkehr am Bahnhof Friedrichstraße ein eigens errichtetes Abfertigungsgebäude eröffnet. Im Volksmund setzte sich für diese Halle schnell die Bezeichnung "Tränenpalast" durch. Täglich konnten in den 70er und 80er Jahren über den Bahnhof bis zu 30.000 Menschen ein- und bis zu 20.000 ausreisen. Die Bereiche, in denen Berlinerinnen und Berliner aus dem Westteil der Stadt die S- und U-Bahn benutzen konnten, waren strikt von jenen getrennt, die von Ost-Berlin aus betreten werden durften. Daher wirkte der Bahnhof auf Besucherinnen und Besucher wie ein unübersichtlicher Irrgarten.
Wer von der einen Stadthälfte in die andere fahren durfte, musste hier unter- und oberirdisch ein Labyrinth von Gängen absolvieren, mehrere Kontrollen von unfreundlichen Grenz-, Zoll- und Staatssicherheits-Mitarbeitern erdulden und durch klinkenlose Türen hindurchgehen, die sich nur auf Knopfdruck öffneten.
Über 140 installierte Videokameras sorgten dafür, dass es keinen öffentlichen Bahnhofsbereich gab, der nicht von einem der Dutzend Bildschirme überwacht wurde. In den 80er Jahren waren tagtäglich mehrere Hundert DDR-Sicherheitsmitarbeiter mit der Absicherung allein dieses Bahnhofs beschäftigt. Die Staatssicherheit nutzte diesen Bahnhof auch, um Personen und Gepäck illegal von einer Stadthälfte in die andere zu schleusen.
Ein Westbahnhof östlich der Mauer
Der Bahnhof Friedrichstraße war einer der ungewöhnlichsten Orte Berlins während der deutschen Teilung. Das Außergewöhnliche an der Grenzübergangsstelle war, dass der Bahnhof rund anderthalb Kilometer östlich der Mauer lag und trotzdem Teil des West-Berliner Nahverkehrssystems war. Ohne Grenzkontrollen konnte man hier von der S- in die U-Bahn steigen, die dann ohne Halt an den "Geisterbahnhöfen" wieder in den Westen fuhr. Erst bei der Einreise nach Ost-Berlin musste man die furchteinflößenden Schleusen der Passkontrolleinheit und des Zolls passieren – falls es denn gestattet wurde. Aus Richtung Osten konnte der Bahnhof ebenfalls mit der S-Bahn erreicht werden. Die Weiterfahrt nach Westen war jedoch unmöglich.
Als Grenzübergangsstelle hatte der Bahnhof für das MfS eine zentrale Bedeutung. Dabei ging es nicht nur um die Verhinderung von Fluchtversuchen, die trotz des stetig ausgebauten Grenzregimes immer wieder von Menschen aus der DDR oder aus anderen osteuropäischen Staaten unternommen wurden. Die Kontrollen der Geheimpolizei dienten auch dazu, die Daten der Reisenden zu erfassen und für andere Zwecke zu nutzen. Nicht selten nahmen hier bei DDR-Besuchern, die dem MfS verdächtig erschienen, Beschattungsaktionen ihren Anfang. Darüber hinaus diente der Bahnhof auch den Spionen der HV A als mit Abstand wichtigste "Agentenschleuse". Tagtäglich wechselten hier die "Kundschafter" ins "Operationsgebiet" oder kehrten von dort zurück. Als "unseren sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad" bezeichnete Markus Wolf, der Chef der DDR-Auslandsspionage, den Verkehrsknotenpunkt in der Mitte Berlins und bezog sich dabei auf den legendären, weitverzweigten Nachschubweg, über den während des Vietnamkriegs die kommunistischen Truppen Nordvietnams bei ihrem Kampf gegen die USA versorgt wurden.
Aus Furcht vor westlichen Geheimdiensten, aber auch um Vorbereitungen für Fluchtversuche zu erschweren, war das Fotografieren am Bahnhof nicht erlaubt. Reisende wie beispielsweise ausländische Touristen, die aus Unwissenheit trotzdem den Fotoapparat zückten, wurden aufgefordert, den Film zu belichten. Zahllose Touristen fanden auf diese Weise Eingang in die Akten des MfS.