Bibliothek des Wissens

Inspirationen zum Nachdenken aus Natur- und Geisteswissenschaften

Untergang der Kultur – Wie Zivilisationen sich selbst zerstören

Spenglers Philosophie des Niedergangs

Wie zerfallen Zivilisationen – nicht durch Invasionen, sondern von innen heraus? Das ist nicht nur Philosophie – es ist ein Spiegel. Der Zusammenbruch, der um uns herum stattfindet, beginnt in uns selbst: In unseren Entscheidungen, unserer Aufmerksamkeit und unserer Hingabe an den Komfort. Wenn Spengler Recht hat, können wir den Winter nicht aufhalten – aber wir können entscheiden, wer wir währenddessen werden.

“Eines Tages wird das letzte Porträt von Rembrandt und die letzte Note von Mozart verschwunden sein – vielleicht bleibt eine farbige Leinwand und ein Notenblatt zurück – denn das letzte Auge und das letzte Ohr, das ihre Botschaft aufnehmen kann, wird verschwunden sein.” Oswald Spengler

Dieses Zitat ist nicht nur eine metaphorische Warnung, sondern eine scharfe Analyse der Realität und der Zukunft der Kultur. Kultur, so betont Spengler, ist nicht bloß die Anhäufung von Wissen oder materiellen Werken, sondern “eine lebendige Existenz, die das Bewusstsein des Menschen erfordert, um die Botschaft zu erfassen und zu verstehen”. In einer Welt, die Wissen hastig verschlingt und als Rohstoff für Unterhaltung konsumiert, ist das kulturelle Erbe vom Aussterben bedroht, bevor es vollständig verstanden oder erlebt werden kann.

“Der kultivierte Mensch richtet seine Energie nach innen, der zivilisierte nach außen.” Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Tiefe und Oberflächlichkeit: zwischen lebendiger Kultur, die “das Selbst neu formt und den Geist nährt”, und Zivilisation, die an der Oberfläche agiert, beschäftigt mit Äußerlichkeiten und Geschwindigkeit, unfähig, den Kern der menschlichen Erfahrung zu erfassen. Der kultivierte Mensch, so Spengler, ist der innere Wächter der Kultur; er gewährleistet die Weitergabe der Botschaft über Generationen hinweg, während der zivilisierte Mensch sie zu einem Bild oder Symbol ohne Seele reduziert.

“Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal jeder Kultur.” Dieses Schicksal betrifft nicht nur die materielle Ebene, sondern auch das menschliche Bewusstsein. Die Zivilisation mag bestehen bleiben, aber “das Bewusstsein, das Kultur trägt, empfängt und versteht, entscheidet, ob Kultur lebendig oder tot ist”. Bücher können auf den Regalen bleiben, musikalische Noten auf den Blättern — doch ohne wache Augen und Ohren wird unser gesamtes kulturelles Erbe “zu einem toten Gerüst, einem widerhallenden Echo in der Wüste der Zeit”. In Zeiten der “rasanten Informationsflut und zunehmender Oberflächlichkeit” setzt sich die Realität gnadenlos durch: Kultur ist keine Option, sie ist «eine existenzielle Pflicht und ein fortwährender Kampf gegen den Verfall des Wissens». Jeder Moment, in dem der Mensch die Tiefe der Kultur ignoriert, jedes Buch, das unbeachtet bleibt, ist ein Schritt Richtung Tod des Bewusstseins — die Umwandlung des menschlichen Erbes in “bloßes Material ohne Geist”.

“Wenn wir unsere Kultur nicht als lebendiges Bewusstsein wiederherstellen, wenn wir Erfahrung und Bedeutung angesichts der Geschwindigkeit und Oberflächlichkeit nicht bewahren, werden die größten Schöpfungen nur blasse Spuren hinterlassen, Staub, der im Wind der Zeit verweht, und ihr Ende ist unvermeidlich, noch bevor sie vollständig erfasst werden.” Hier sieht man den Pferdefuss des konservativen Denkens. Wo Kultur stets als "Wiederherstellung" gedacht ist, verkommt sie in Tradition. Doch Kultur ist Fortentwicklung. Im Neuen. Die Schaffung im Neuen. So ist auch und gerade der Kulturpessimismus Ausdruck einer verfallenden Gesellschaft. Spengler nicht nur dessen Botschafter, sondern dessen Symptom.

In einer kapitalistischen Gesellschaft, sprich in einer Gesellschaft, in der es um materiellen Erfolg geht, hat Kunst als Träger von nicht-materiellen Inhalten keine hohe Priorität. In der Kunst an sich(!) wiederum gibt es keinen Wettbewerb, kein Überlegenheitsdenken, keinen Erfolgsdruck, keine Konkurrenz, sondern ihre Qualität besteht unter anderem in der Individualität des Künstlers und somit seiner Werke. Gute Kunst bleibt Träger essentiellen Wissens. Gute Kunst ist von zeitloser Qualität. Der Mensch ist ja keine Einheit, sondern eine Vielheit! Jene persönlicheren Aspekte des Künstlers, die an der Erschaffung des Kunstwerks wesentlich beteiligt sind, würden auch mich interessieren. Die anderen Aspekte sind seine Privatsache und wären wohl ein ganz anderes Thema.

So oft wird Kunst als Schöpfung des Geistes bezeichnet, womit sie vorweg auch erst geistig existieren muss. Sohin aber der Künstler aus jenem geistigen Born zu schöpfen befähigt ist und erst daraufhin die beeindruckenden Werke sichtbar formt. Es gibt zu erkennen, dass Werke echter Kunst, als geistig seiend, demnach ewig und unzerstörbar sind, unabhängig davon ob sie eine für uns sichtbare Gestaltung erhalten, was umgekehrt bedingt, dass dem Künstler geistige Wachsamkeit zu eigen sein muss, um darauf zugreifen zu können. Demnach wird auch immer im Umfeld großer geistiger Höhe eine hohe Dichte echter Künstler hervortreten, wie umgekehrt ein Rückgang geistiger Fähigkeiten zum Verlust der Werke, wie auch des Verständnisses derselben unvermeidbar ist. Hierbei ist selbstverständlich Geist in seiner wahren Bedeutung vorausgesetzt, und nicht die Verwendung anvertrauter Hirnsubstanz, die in möglichst komplizierten Verwicklungen nur sich selbst befriedigen will und auch schnell wieder verblasst. Es muss Geist von anderer Beschaffenheit sein, dass derselbe in Werken, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alt, noch zu finden ist, während wechselwirkend es auch eines wachen Geistes bedarf, denselben in Vergangenem zu empfinden, sich davon angesprochen zu befinden.

Eine Kultur ist nicht das letzte Wort über das Menschsein, sondern eine individuelle Gestalt. Deswegen muss sie auch wieder vergehen. Eine Kultur ist wie ein Raum, der dem kollektiven Bewusstsein eröffnet wird, in dem erst das höhere Potential, also Ästhetisches und Spirituelles als auch die Formen der Erkenntnis sich entfalten können. Jede Kultur steht auf einem Sockel strenger Disziplinierung. Und jede Kultur ist exkludierend, d.h. sie weist das Fremde ab, als hässlich oder unwahr oder einfach nur schlecht. Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal urbaner Kultur. Kultur ist das Betriebssystem einer Gesellschaft, Zivilisation, dessen Korrumpierung.