Naturschutz – Weltethos der Ureinwohner
Eine rechtsphilosophische Vision
Die Amazonas-Regenwälder sind für die Menschheit ein im Wortsinn unbezahlbares Geschenk und sie gehören den dort lebenden Ureinwohnern. Das hat moralische Konsequenzen, weil sich die Gegenwart wissentlich auf Kosten der Zukunft und zu Lasten der dort lebenden Ureinwohner bereichert.
An vielen Stellen von Brasiliens Regenwald-Gebieten und, bislang im Schatten der Aufmerksamkeit, von Bolivien, brannten riesige Flächen nieder. Millionen Hektar von Regen- und Trockenwald wurden zerstört, weitere Millionen folgten. Die Situation in Brasilien hat bereits ein internationales Entsetzen hervorgerufen. Ohne Zweifel klagt die Welt zu Recht über den Verlust von Hunderten von Arten, vermutlich weit mehr als 1500 Tierarten und Zehntausenden Pflanzenarten. Damit wird ein riesiges Gen-Reservoir, zusätzlich ein enormer Kohlenstoffspeicher und Klimastabilisator wirtschaftlichen Interessen geopfert: der Gewinnung von kostbaren Tropenhölzern, ferner von Weideflächen für Rinder, Anbauflächen für Sojapflanzen und Bodenschätzen.
Offensichtlich widersprechen die zahllosen Brandrodungen dem langfristigen Selbstinteresse sowohl der betreffenden Länder als auch der gesamten Menschheit. Hier bereichert sich die Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Der Protest südamerikanischer Kritiker, verstärkt durch den Protest westlicher Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, ist zweifellos legitim. In der Regel liegt dem aber, dem moralischen Impetus zum Trotz, auch ein Selbstinteresse zugrunde, was den harten Vorwurf einer Unmoral nicht ausschließt. Vergessen oder verdrängt wird nämlich, dass zum Beispiel die Amazonaswälder die Heimat der dort lebenden Ureinwohner sind.
Wie die nordamerikanischen Indianer, so sind auch die südamerikanischen Indios vor etwa zehn- bis zwölftausend Jahren eingewandert und haben sich im Laufe der Zeit auf die dortigen Verhältnisse eingerichtet. In entsprechender Oiko-poiese (ökologisch orientiertes gestaltendes Tun des Menschen in seiner Lebenswelt) haben sie unter den dort herrschenden klimatischen, topographischen und biologischen Bedingungen sich so weit an die vorgefundene Natur angepasst, statt sie bloß auszubeuten, dass sie zu dem wurde, was oikos ursprünglich bedeutet: ein Ort, der trotz bleibender Gefahren Schutz und Geborgenheit bietet.
Mittlerweile haben die verschiedenen Stämme aufgrund permanenter Dezimierung derart viele Mitglieder verloren, dass mangels „kritischer Masse“ die kulturelle Identität der weltweit Übriggebliebenen massiv bedroht ist. Dass die weltweiten Proteste gegen die Brandrodung die Rechte der Ureinwohner, etwa die der „Kinder des Regenwaldes“, so wenig beachten, ist ein zweifacher Skandal. Zum einen werden hier in hohem Maß Grund- und Menschenrechte verletzt, was sich mehr und mehr auf einen wahrhaften Völkermord beläuft.
Zum anderen nimmt die Weltöffentlichkeit diese Wirklichkeit kaum wahr. Hier herrscht das beschämende Muster „ohne wortgewaltige Lobby kein Erfolg“ vor; die dortigen „Steinzeitkulturen“ verfügen nämlich nicht aus sich heraus über die nötigen juristischen, journalistischen und intellektuellen Wortführer. Um dem fortschreitenden Genozid Einhalt zu gebieten, müsste man jedenfalls die Gebiete gegen jeden weiteren Eindringling verteidigen, vielerorts sie sogar zum Rückzug zwingen. Andernorts, zunächst in Indien und Indonesien, später in den ehemaligen Kolonien Afrikas, lösen sich die „Ureinwohner“ von ihren Kolonialherren, erklären sich staatlich unabhängig und unterziehen sich den nötigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen.
Man darf nicht vergessen, dass auch Mittel- und Südamerika von Europäern erobert wurden. Nun mag man einwenden, nach fünf Jahrhunderten seien durch Besiedlung und Kultivierung neue Rechtsverhältnisse entstanden. Abgesehen davon, dass das Argument für Afrika nicht anerkannt wird, gilt es, nimmt man Brasilien als Beispiel, im Wesentlichen nur für einen etwa 50 km breiten Küstenstreifen und die Flussläufe. Infolgedessen liegt diese Forderung auf der Hand: Man überlasse die Gebiete, also so gut wie den gesamten südamerikanischen Regenwald, vollständig den hier lebenden Stämmen. Man beachte, dass diese Forderung nicht etwa vom Standpunkt der Nächstenliebe, Wohltätigkeit oder Philanthropie begründet wird. Nicht eine verdienstliche Tugendmoral erhebt hier ihre Stimme, sondern jene Rechtsmoral oder politische Gerechtigkeit, die sich mit einer „Minimalmoral“ zufriedengibt, deren Anerkennung die Menschen einander schulden. Wird die Forderung erfüllt, so hat sie eine glückliche Nebenfolge. Wenn man den Ureinwohnern des tropischen Regenwaldes Gerechtigkeit widerfahren lässt, machen sie ihrerseits, ohne dass es die primäre Intention wäre, der Menschheit ein großzügiges ökologisches Geschenk. Dieser zweifellos zu begrüßende Nebeneffekt, ein riesiges Naturreservat, einschließlich dessen Bedeutung als Kohlenstoffspeicher und Klimastabilisator, dieses in einem wörtlichen Sinn unbezahlbare Geschenk, erfolgt aber nicht von Brasilien und Bolivien sowie Kolumbien und Peru aus, sondern von den dort lebenden Indiostämmen.
Mit diesem ersten Geschenk verbinden die Kinder des Regenwaldes ein zweites Geschenk: Einer in zwei Dimensionen, in der Naturbeherrschung und in der Bevölkerungsexplosion, imperialen Zivilisation bieten sie einen Kontrapunkt: das Gegenbild eines Weltethos der Naturschonung.
Allerdings ist mit folgender Reaktion auf diese Überlegungen zu rechnen: Hier handele es sich doch um eine weltfremde Utopie. Die bislang dort zuständigen Staaten würden sich doch nicht so große, zudem reiche Teile ihres Territoriums wegdisputieren lassen. Und weil sie diese Reaktion erwarten, werden sich weder Staaten noch Nichtregierungsorganisationen auf eine derartige Argumentation einlassen. Dann drängt sich aber immer noch ein Argument auf, das der ökologischen Großzügigkeit. Es knüpft an den Wunsch von Eltern an, ihren Kindern ein größeres Erbe zu hinterlassen, als sie ihrerseits von den Eltern übernommen haben. Dieser Gesichtspunkt führt über das hinaus, was die Gerechtigkeit gebietet. Jedoch ist Großzügigkeit schon immer ein Zeichen souveränen Menschseins. In diesem Sinn müsste eine Kultur, die die Naturkräfte so weit beherrscht wie die heutige wissenschaftlich-technische Zivilisation, ihrem Stolz Grenzen setzen und nicht länger auf Kosten der Kinder und Kindeskinder leben.
Nicht nur in anderen Kulturräumen gilt das Maß, an dem man heute vornehmlich den Erfolg misst, das Erwerben und Besitzen, als schändlicher Geiz. Auch in einer Quelle der westlichen Kultur, im klassischen Griechentum, zeichnet sich der vorbildliche Mensch durch Freigebigkeit und im Christentum durch Nächstenliebe aus. Im Vergleich dazu pflegt unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation weithin einen Lebensstil, der zutiefst von Ungeduld, Kleinlichkeit und Enge bestimmt ist. Infolgedessen muss sie sich die angedeutete Umkehrung der üblichen Bewertung gefallen lassen und ihre technisch-ökonomische Überlegenheit mit einer gravierenden Stärkung der Humanität verbinden.
Nachdem in unserem Kulturraum jahrhundertelang das Pathos des Fortschritts, neuerdings aber das Pathos des Anti-Fortschritts vorherrscht, drängt sich hinsichtlich der Regenwälder eine dritte Möglichkeit auf, eine gewiss realisierbare Utopie: In erster Linie aus Gründen der Gerechtigkeit, hilfsweise aus Großzügigkeit stärke man die humanitären Quellen unserer Kultur und überlasse die Amazonaswälder ihren eigentlichen „Herren“, den Ureinwohnern. Im Gegenzug erhält man das genannte doppelte Geschenk: ein riesiges Naturreservat in den skizzierten drei Dimensionen und das kraftvolle Gegenbild einer weit umweltfreundlicheren Naturbeziehung.