Anthropologie
Das Kunstwort Anthropologie ("Lehre vom Menschen") bezeichnet drei sehr heterogene Denkrichtungen, zwischen denen allerdings stets Berührungspunkte bestanden und die während des Prozesses ihrer Etablierung als wissenschaftliche Disziplinen eng ineinander verflochten waren:
Das Kunstwort Anthropologie ("Lehre vom Menschen") bezeichnet drei sehr heterogene Denkrichtungen, zwischen denen allerdings stets Berührungspunkte bestanden und die während des Prozesses ihrer Etablierung als wissenschaftliche Disziplinen eng ineinander verflochten waren:
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die geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die verschiedene Völker untersuchen, deren Lebensformen und Kulturschemata typologisieren und untereinander sowie mit der eigenen Kultur vergleichen, unter Einbezug aller Bereiche von Kultur und Gesellschaft (u.a. Soziologie, Sozialpsychologie, Völkerkunde, Geschichte, Vorgeschichte, Sprachwissenschaft, Archäologie, Ethnologie);
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die philosophische Anthropologie, welche die Forschungsergebnisse der verschiedenen Einzeldisziplinen aufgreift und reflektiert: ➔ Philosophie/philosophische Anthropologie;
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die naturwissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit Entstehung, Entwicklung und Typendifferenzierung der Menschenart befassen und diese morphologisch und physiologisch mit anderen Tierarten vergleichen (nach deutschem Sprachgebrauch auch biologische Anthropologie, physische Anthropologie oder Humanbiologie, mit den Zweigen Humangenetik, Konstitutionsforschung und Abstammungslehre).
Die heterogenen Ursprünge
Eine wissenschaftliche Anthropologie entstand ab dem 16. Jahrhundert, zuerst innerhalb der deutschen Schulphilosophie, dann im 17. und 18. Jahrhundert vorangetrieben von Medizinern (Medizingeschichte), die mit Physik, Anatomie und Physiologie die Tätigkeiten aller "Teile" des Menschen erklären wollten (wie z.B. Hermann Friedrich Teichmeyer, der Schwiegervater von Albrecht von Haller, mit seinen Elementa anthropologiae, 1719). Während sich so in Deutschland die physische Anthropologie entwickelte, wurde in Frankreich zunächst ein anderer Zweig der Anthropologie kultiviert, nämlich die praktische Menschenkunde (Moralistik), die dem Schulwissen das Weltwissen gegenüber stellte (z.B. Michel de Montaigne, François de La Rochefoucauld, Jean de La Bruyère). Richtungweisend für die schweizerische Anthropologie der Aufklärung wurde die natürliche Theologie mit ihren Annahmen über den Offenbarungscharakter der menschlichen Natur; von herausragender Bedeutung waren diesbezüglich Alexandre César Chavannes (Anthropologie ou Science générale de l'homme, 1788) und Johann Samuel Ith (Versuch einer Anthropologie, oder Philosophie des Menschen nach seinen körperlichen Anlagen, 1794-1795).
Gegen den Vorrang der Physiologie in der Anthropologie wandte sich Immanuel Kant. Er unterschied die Anthropologie in "physiologischer" und "pragmatischer" Hinsicht und legte in seinen 1798 publizierten Anthropologie-Vorlesungen das Gewicht auf Menschen- und Weltkenntnis, auf Erfahrungswissen durch Beobachtung, Reisen und Lektüre. Obwohl bei Kant die Anthropologie gegenüber der Ethik peripher blieb, erlebte erstere – gerade durch den Primat der Physiologie – ab 1800 einen großen Aufschwung. Häufig von Ärzten entworfen, wurde sie, verstärkt durch die romantische Naturphilosophie, zur Fundamentalphilosophie und Universalwissenschaft schlechthin. Nach den Schriften von Kant und Johann Gottfried Herder, von Chavannes und Ith erschien eine Unzahl einschlägiger Titel und Zeitschriften. 1859 wurde die Société d'anthropologie de Paris, 1869 die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte gegründet. Von Frankreich aus beeinflusste eine bereits 1775 von Pierre Roussel in der Abhandlung Système physique et moral de la femme begründete anthropologische Differenztheorie der Geschlechter (Geschlechterrollen) die nachfolgenden Anthropologien aller Schattierungen. Nach dem allmählichen Zerfall der Anthropologie als allgemeiner Universalwissenschaft blieb eine biologistische weibliche Sonder-Anthropologie in der Gynäkologie erhalten.
Von Kant über Karl Marx' Feuerbachkritik bis zu Georg Lukács gibt es eine Tradition geschichtsphilosophischer Anthropologie-Kritik. Neubegründungen der Anthropologie erfolgten deshalb im Zeichen einer Absage an die Geschichtsphilosophie, so im deutschen Sprachraum in den 1920er Jahren durch Max Scheler und Helmuth Plessner. Im französischen Sprachraum waren es zunächst Versuche von Jean-Paul Sartre und anderen, dem historischen Materialismus eine anthropologische Basis zu verleihen. In Verbindung mit der Ethnologie entstand die strukturale Anthropologie von Claude Lévi-Strauss mit der Präferenz für synchrone Strukturforschung. Mittlerweile gibt es Anthropologien in Verbindung mit diversen Einzelwissenschaften, unter anderem pädagogische Anthropologie (Pädagogik), theologische Anthropologie oder historische Anthropologie. Letztere hat als interdisziplinäre Verknüpfung von Anthropologie und Geschichtswissenschaft zu neuen Fragestellungen, Ansätzen und Erkenntnissen geführt, vor allem in verschiedenen Gebieten der Sozialgeschichte (Lebensformen, Wahrnehmungsmuster, Handlungsweisen usw.). Ab ca. den 1970er Jahren widmete sich die Anthropologie auch vermehrt dem Studium der menschlichen Kultur (Kulturanthropologie, Kulturgeschichte), wobei das Verhältnis zwischen diachronen Verläufen und der "immergleichen Menschennatur" sowie den daraus abgeleiteten Zwängen zu kompensatorischen Kulturleistungen nach wie vor ungeklärt erscheint.
Die philosophische Anthropologie in der Schweiz war verschiedenen Ansätzen verpflichtet. Die Vertreter der von Edmund Husserl begründeten und von Martin Heidegger weiterentwickelten Phänomenologie waren vor allem psychologisch und psychoanalytisch geschulte Philosophen wie Ludwig Binswanger, der Begründer der Daseinsanalyse, Medard Boss, Hans Kunz, Günther Bally und Wilhelm Keller (Psychologie). Eine ontologisch-apriorische Philosophie vertrat Paul Häberlin, während an der Universität Freiburg eine theologisch, vor allem neuthomistisch geprägte Anthropologie, unter anderen von Norbert A. Luyten, gepflegt wurde.
Biologische bzw. physische Anthropologie
Die biologische bzw. physische Anthropologie ist der naturwissenschaftliche Zweig innerhalb der Disziplin. Sie widmet sich der Evolution, Entwicklung und Vielfalt des Menschen über eine Zeitspanne von mindestens vier Millionen Jahren hinweg und beinhaltet zahlreiche miteinander verknüpfte Unterdisziplinen.
Die Paläoanthropologie beschäftigt sich unter Einbezug von Geologie, Archäologie, Primatologie, Molekularbiologie und Kulturanthropologie mit der Evolution des Menschen. Hierbei werden fossile Formen der Homininen beschrieben und deren Merkmale bewertet. Grundlegende Fragestellungen sind der Zeitpunkt und der Ort des Auftretens neuer Formen sowie deren Abstammung von Vorgängerinnen. Ebenso versucht die Paläoanthropologie, die Verwandtschaftsbeziehungen und Kontakte zwischen pleistozänen Menschenformen (z.B. Homo neanderthalensis) und dem anatomisch modernen Homo sapiens zu ergründen. Das Studium nichtmenschlicher Primaten bildet dabei einen Referenzrahmen für die Paläoanthropologie. Vergleichende morphologische und biomechanische Studien erlauben es, menschliche und hominine Skelettmerkmale einzuordnen und in ihrer funktionellen Bedeutung zu verstehen, etwa als Anpassungen an das Leben in den Bäumen oder am Boden bzw. an den aufrechten Gang. Labor- und Feldbeobachtungen, besonders von Menschenaffen, liefern Hinweise auf ihre kognitiven Fähigkeiten, die sich möglicherweise auch auf die frühen Homininen übertragen lassen.
Die menschliche Variabilität, geografische Populationen sowie Bevölkerungsbewegungen werden mittels vererbter Merkmale und der ihnen zugrunde liegenden Gene nachvollzogen. In der Forschung des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts stehen molekularbiologische Daten im Fokus, vor allem bestimmte ancient-DNA-Sequenzen (aDNA). Auf dieser Grundlage lassen sich geografische Populationen beschreiben; zusammen mit linguistischen und archäologischen Erkenntnissen können so Bevölkerungsbewegungen nachvollzogen und Hinweise auf die Besiedlungsgeschichte der Kontinente gewonnen werden. Da es keine scharfen Grenzen zwischen solchen geographischen Populationen gibt, hält das Konzept von biologischen Rassen wissenschaftlichen Kriterien nicht stand (Rassismus, Körpergeschichte).
In der prähistorischen und historischen Anthropologie (auch Osteoarchäologie oder Bioarchäologie) werden Skelette und andere menschliche Überreste wie beispielsweise Mumien, Moor- und Salzleichen untersucht, um verschiedene Aspekte früherer Bevölkerungen zu beleuchten. Die sorgfältige Ausgrabung und Dokumentation von Bestattungen erlaubt es, Bestattungsbräuche und ihnen zugrundeliegende Glaubensvorstellungen in unterschiedlichen Epochen zu rekonstruieren. Über das biologische Profil der Verstorbenen (Geschlecht, Sterbealter, Körpergröße, paläopathologische Befunde) lassen sich demografische, epidemiologische und soziale Phänomene in prähistorischen Gesellschaften erschließen. Migrationsbewegungen und die Ernährungsweise können mittels der Untersuchung stabiler Isotopenverhältnisse aus Knochen und Zähnen entschlüsselt werden. Der molekularbiologische Nachweis von Krankheitserregern in prähistorischen und historischen menschlichen Überresten hat nicht nur die Möglichkeiten der Paläopathologie erheblich erweitert, sondern liefert zusätzlich Informationen über die Evolution verschiedener Krankheitserreger.
Osteologische und molekularbiologische Methoden sowie bildgebende Verfahren sind ebenso in der forensischen Anthropologie relevant, etwa bei der Identifikation unbekannter Toter (Rechtsmedizin). Auch der Bereich der "Lebendidentifikation" wird von der forensischen Anthropologie betreut. Hierbei geht es beispielsweise um die Untersuchung von Bildmaterial von Überwachungskameras, um die Identität oder Nichtidentität einer Vergleichsperson festzustellen.