Sokratismus, Sokratik
Der Sokratismus (oder die Sokratik) ist untrennbar mit Mehrdeutigkeit verbunden, sowohl in der Lehrmethode als auch in der Interpretation seiner Philosophie. Sokrates selbst hinterließ keine Schriften, weshalb sein Denken durch die Berichte seiner Schüler (vor allem Platon) überliefert ist, was bereits zu einer "internen" Unschärfe führte. Die Mehrdeutigkeit im Sokratismus ist ein bewusstes, didaktisches Werkzeug, um dogmatisches Scheinwissen zu zerstören und echtes Denken anzuregen.
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Sokratische Ironie & Verstellung: Sokrates gab häufig vor, unwissend zu sein („Ich weiß, dass ich nichts weiß“), um seine Gesprächspartner dazu zu bringen, ihre eigenen (oft falschen) Annahmen zu hinterfragen. Diese Haltung ist zweideutig: Ist er wirklich unwissend oder führt er sein Gegenüber geschickt aufs Glatteis?
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Sokratische Dialoge enden oft ergebnislos, in einem Zustand der Aporie (Ratlosigkeit). Die Mehrdeutigkeit liegt hier in der Absicht, dass das Gespräch zu einer echten Definition führt, oder ist die Erkenntnis der eigenen Unwissenheit das eigentliche Ziel sein soll?
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Die sokratisch-methodische Mehrdeutigkeit (Elenchus-Methode) arbeitet mit der Widerlegung von Behauptungen. Dabei operiert Sokrates oft mit der Mehrdeutigkeit von Begriffen, um Widersprüche aufzudecken.
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Sokratische Paradoxien wie Aussagen „Niemand wünscht sich das Böse“ oder „Tugend ist Wissen“ wirken auf den gesunden Menschenverstand oft paradox oder mehrdeutig. Sie erfordern eine tiefe Interpretation, da sie moralisches Handeln ausschließlich auf Erkenntnis zurückführen.
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Die "sokratische Frage": Hier wird ihre Mehrdeutigkeit genutzt, um das Gegenüber zur Selbstreflexion zu bringen, anstatt fertiges Wissen zu vermitteln.
Einziger gemeinsamer Nenner des seit Ende des 18. Jh. weitgehend synonym mit Sokratik oder Sokratismus Bezeichneten ist trivialerweise der Bezug auf Sokrates. Waren bereits in der antiken Zeitgenossenschaft die Portraits von ihm so divergent wie die in seinem Namen durchgeführten Schulgründungen, so folgt die Auseinandersetzung mit ihm in der Neuzeit einer erst recht kontingenten Perspektivierung. Anknüpfungspunkt kann dabei nicht nur die je unterstellte Philosophie des selbst nicht als Autor in Erscheinung getretenen Sokrates sein, sondern auch seine Methode, insbesondere die des Unterrichtens, oder auch die angenommene Affinität zwischen Leben und philosophischer Tätigkeit. Neben der quasi internen Mehrdeutigkeit bzw. «Familienähnlichkeit» zeichnen sich Sokratismus und Sokratik extern, im jeweiligen semantischen Feld, meist durch die Relation zu «symmetrischen Gegenbegriffen» aus, denen gegenüber sie außer der Differenz in der Sache ebenfalls eine hinsichtlich der Chronologie und Wertung markieren können. Unterstützt wurde diese Kontrastbildung u.a. von dem auf Cicero zurückgehenden Topos: «Socrates autem primus philosophiam devocavit e caelo et in urbibus conlocavit» («Sokrates aber hat als erster die Philosophie vom Himmel herabgerufen und in den Städten heimisch gemacht»).
In onomasiologischer Hinsicht dokumentiert sich die allgemeine Popularität des Themas "Sokrates" in einer Vielfalt von Derivationen. So macht G. Pico della Mirandola mystischen Aufschwung und Rausch als «furores socraticos» namhaft. J. G. Hamann ironisiert die Aufgeklärtheit seiner Zeitgenossen als die der «Sokraten unsers Alters» und stellt ihr ein der typologischen Exegese verpflichtetes Sokrates-Bild gegenüber. Den ethischen Impuls betonend, setzt J. G. Feder die «sokratische Wissenschaft» in eins mit der gesamten praktischen Philosophie, der «vernünftige[n] Anweisung zum glücklichen Leben». Als «sokratische Art» bezeichnet dann mit implizitem Hinweis auf das dialektische Moment I. Kant das vernunftkritische Prozedere, «allen Einwürfen wider Sittlichkeit und Religion ... durch den klarsten Beweis der Unwissenheit der Gegner ... ein Ende zu machen». Unter «Sokratie» firmiert bei Novalis «die Kunst – von jedem gegebenen Orte aus den Stand der Wahrheit zu finden und so die Verhältnisse des Gegebenen zur Wahrheit genau zu bestimmen». Die Bedeutungen von «sokratisieren» umgreifen ein Spektrum zwischen dem «walten» von «Geist und ... Methode des Sokrates» bei F. D. E. Schleiermacher und der sexuellen Technik bei D. A. F. de Sade. Und S. Kierkegaard lokalisiert das «Sokratische» darin, «die Existenz zu betonen, worin die Bestimmung der Innerlichkeit enthalten ist».