Das Ich und das sexuelle Verlangen
Das Ich ist kein fixer Kern, sondern ein Verhältnis zu sich selbst. Es erlebt sich aus der ersten Person, es stellt sich vor, wie es auf andere wirkt, und es reflektiert sich als Objekt innerhalb einer sozialen Welt. Diese drei Perspektiven sind nicht an sich problematisch. Unfreiheit entsteht erst dort, wo das Ich beginnt, sich selbst primär aus der dritten Perspektive zu betrachten – als etwas, das bewertet, eingeordnet und gemessen wird. Das Selbst verliert dann seine Unmittelbarkeit und wird zum Gegenstand eigener Kontrolle. Die Außenwelt ist dabei kein souveräner Diktator. Sie wirkt nur, weil das Subjekt ihren Maßstab übernimmt und sein Selbstbild an Anerkennung, Erfolg oder soziale Stimmigkeit bindet. Scheitern – sei es in der Liebe, in Projekten oder im Leben – verletzt daher nicht das Selbst an sich, sondern entlarvt ein falsches Verhältnis zu sich selbst. Philosophisch entscheidend ist nicht der Ausgang eines Vorhabens, sondern die Erkenntnis, die aus dem Misslingen hervorgeht: darüber, warum man gehandelt hat, welchen Bildern man folgte und ob man sich vielleicht weniger aus Freiheit als aus Anpassung bewegte. Freiheit beginnt dort, wo Erkenntnis höher steht als Bestätigung.
Sexuelles Begehren markiert innerhalb dieser Struktur eine Ausnahme. Es suspendiert nicht dauerhaft, sondern spürbar die gewöhnliche Selbstobjektivierung. Der Mensch erlebt sich hier nicht primär als sozial lesbares Objekt, sondern als integrierte, handelnde Einheit. Diese Erfahrung ist nicht rational und nicht kontrollierbar – und gerade darin liegt ihre Bedeutung. In der Begierde wird der Andere nicht nüchtern erkannt, sondern idealisiert. Diese Idealisation ist kein Irrtum, sondern eine notwendige Bedingung des Begehrens. Wäre sie rational, wäre sie austauschbar; sie ist es aber nicht. Sie ist individuell, perspektivisch und verletzlich. Gerade diese Verletzlichkeit macht die Hingabe bedeutsam. Der Andere ist nicht verfügbar, nicht sicher, nicht garantiert. Er kann antworten – oder sich entziehen. Deshalb ist Scham kein Zeichen von Unfreiheit, sondern Ausdruck einer Spannung: dem Wunsch, sich zu zeigen, und dem gleichzeitigen Wunsch, nicht vollständig durchschaut zu werden. Im sexuellen Begehren verbinden sich Autonomie und Hingabe, Freiheit und Abhängigkeit, Selbstbehauptung und Selbstverlust. Nicht als Widerspruch, sondern als existenzielle Ambivalenz. Sexuelles Begehren zeigt somit, dass das Ich mehr ist als sein Selbstbild. Es eröffnet einen Raum, in dem der Mensch sich nicht rechtfertigen, messen oder stabilisieren muss, sondern sich riskant und sinnhaft auf einen Anderen einlässt. Diese Freiheit ist nicht dauerhaft und nicht ungefährlich – aber sie ist real. Und sie erinnert daran, dass ein gelungenes Selbst nicht am Erfolg, an Anerkennung oder an Sicherheit gemessen wird, sondern an der Fähigkeit, sich offen, erkenntnisfähig und verletzlich dem Leben zu stellen.
Aus meiner Sicht sind die Identität, das Ego und das, worauf man stolz ist, maßgeblich bestimmt durch geschlechtsspezifische Attribute. Man kann das ganz einfach testen, indem man sich überlegt, was einen beschämen würde: nämlich mehrheitlich die Attribute des anderen Geschlechts. Im Prinzip stellt hier die Persönlichkeit eine reine Balz-Pinnwand dar. Es gibt nur sehr wenige, bei denen das nicht so ist. Das ist auch ein Grund, warum ich Simone Beauvoir keinesfalls für eine Philosophin halte, sondern eine reingemogelte, hochgepushte Agentin. Ihr bekanntester Ausspruch ist wohl: "Eine Frau wird nicht als Frau geboren - sie wird zur Frau gemacht." Damit greift sie nicht nur der heutigen Genderdebatte lange vor und legt deren Grundstein, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, sondern sie erklärt Menschen, vornehmlich Frauen, in erster Linie als Wesen, die erst durch die Gesellschaft an ihre Rolle erinnert und in sie hineingepresst werden. Bis hierhin könnte man sie an sich glatt für eine Philosophin halten. Aber sie sagte gleichermaßen: "Niemand ist arroganter und verletzender gegenüber Frauen als ein Mann, der sich seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist." Damit spricht sie dem Mann ansich das Sein als Wesen komplett ab und stellt jedwede Kommunikation zwischen den Geschlechtern als vordergründig geschlechtlich dar, vor Allem für die Männer, die stets die Männlichkeit mimen müssen, weil sie sonst die Frauen irritierten, verletzten oder echauffieren. So spricht kein Philosoph - das ist Sophismus in Reinform, und zwar von seiner übelsten Sorte. Ihr Gesamtwerk verdient es eher, im untersten Regal bei "Lebensberatung" einsortiert zu werden als neben Platon gestellt.
Aber wenn man dieses oder Ähnliches anspricht, werden viele laut, aggressiv und ausfallend. Alice Schwarzer trieb das Zur-Frau-Machen mit den Reimer-Brüdern auf ein neues Level, das heute der Medizinbranche einen lukrativen Markt lebenslang Medikamentierter aufmacht. Beide Brüder brachten sich nach der öffentlich aufgedrängten Geschlechtsumwandlung aus Depression um. Ein Fall, der nie wirklich aufgearbeitet wurde und der ohne Konsequenzen für Schwarzer blieb. Aber die selben Menschen, die sie und Beauvoir fälschlicherweise als Feministinnen feiern und hochhalten, begrüßten auch, dass Ester Vilar auf der Flughafentoilette zusammengeschlagen wurde, weil sie Widerworte und einen anderen, ganzheitlicheren Spin gewagt hatte.
Neulich hörte ich eine Erklärung für das bizarre Verhalten der Treiber des Geschlechterkrieges: Der Mensch ist evolutionär eigentlich darauf optimiert, Ziele anzuvisieren, zu verfolgen, strategisieren und erledigen/erlangen. Die heutige verwaltete Welt lässt diesen Aktionsradius allerdings gewaltig schrumpfen und man muss schon so etwas wie Künstler sein, um selbstständig gesteckte Ziele zu vervollkommnen. Viele sind absolut sinnentleert abseits des biologischen Auftrags. Aber Kollektive, insbesondere Ideologien, versprechen ausgelebtes, ehrvolles Zielstreben in einer Welt, die längst alles Zielstreben automatisiert, verwaltet und abgeschafft hat. So schließen sich die Leute reihenweise Kollektive an und holen sich das Gefühl zurück, freudige Erwartungen zu stillen. Diese Erwartungen anzufeuern und mit Freude, Lob und Ehre zu füllen, hat fast immer Volksverhetzungs-Tendenzen, denn nahezu jedes Kollektiv hat Gegenspieler.
Wenn Beauvoir also sagt, Männer könnten und dürften keine neutralen Wesen sein und müssten alles männlich einfärben, aber Frauen seien von Natur aus jene neutralen Wesen, die erst (von Männern und Gesellschaft) in die Frauenrolle gezwungen und gepresst würden, setzt sie damit die Erde in Brand.