Religion und Angst
“Die älteste bekannte Religionstheorie ist Angst." Mit diesem Zitat von dem australischen Philosophen Peter Harrison lässt sich unmittelbar in eine der strengsten Deutungen des religiösen Phänomens eintreten: Die Angst als zugleich erkenntnistheoretischer und moralischer Ursprung. Der frühe Mensch lebte nicht in einem verständlichen Kosmos, sondern in einer von Gefahren und Ungewissheit durchdrungenen Umwelt; der Donner war Bedrohung, die Krankheit eine unbekannte Kraft und der Tod ein absolutes Rätsel. In einem solchen Kontext wird Angst zu einem geistigen Mechanismus der Sinnproduktion, nicht bloß zu einer flüchtigen psychischen Regung. Deshalb übertrieben weder Democritus noch Lucretius, als sie feststellten: “Die Angst ist das Erste, was auf Erden die Götter erschafft.” Die Götter sind – in einer ihrer Dimensionen – nichts anderes als der Versuch, das Entsetzen zu rationalisieren, wenn der Mensch weder fähig ist, die Welt zu erklären, noch sie zu beherrschen.
Die germanischen Mythen zeigen diese psychologische Struktur mit bemerkenswerter Klarheit. Der Gott Odin ist kein beruhigendes, allmächtiges Wesen, sondern eine von Unruhe geprägte Gottheit, die unablässig nach Wissen strebt, weil sie weiß, dass das kosmische Ende – bekannt als Ragnarök – unausweichlich ist. Die Welt selbst beruht auf einem Konflikt, der in Zerstörung enden wird, und die Götter sind dem tragischen Schicksal nicht entzogen. Diese Vorstellung spiegelt weniger religiöse Geborgenheit wider als vielmehr ein existenzielles Bewusstsein der Gefahr; die Angst erzeugt hier nicht nur Unterwerfung, sondern auch Mut und Disziplin, denn heroisches Verhalten wird zum Versuch, einem furchterregenden, unvermeidlichen Schicksal zu begegnen.
Doch die Angst erklärt nicht nur die Entstehung von Glaubensvorstellungen, sondern auch den moralischen Wandel. Hier tritt das Paradox hervor, das John Calvin formulierte: “Die Furcht vor Gott ist es, die den Bösen in einen guten Menschen verwandelt.” Wenn materialistische Philosophen in der Angst den Ursprung der religiösen Illusion sehen, erkennen Theologen in ihr den Ursprung moralischer Disziplin. Die historische Wirklichkeit ist, dass Angst beide Funktionen erfüllt hat: Sie war ein Mittel der Erklärung, als die Wissenschaft fehlte, und ein Mittel der Regulierung, als die Selbstkontrolle fehlte. Die strenge Schlussfolgerung lautet, dass der Mensch trotz all seines Erkenntnisfortschritts seine existentielle Zerbrechlichkeit nicht überwunden hat. Der Tod ist weiterhin präsent, die Zukunft bleibt unbekannt, und das Universum ist größer als seine Fähigkeit, es zu kontrollieren. Deshalb bleibt die Angst imstande, über die Jahrhunderte hinweg Sinn und Symbole hervorzubringen. Die Religion ist – in einer ihrer tiefen Dimensionen – nichts anderes als der Versuch, das Unbekannte zu vermenschlichen; und Angst ist die erste Sprache, in der dieser Versuch geschrieben wurde.
Es gibt ja auch das Bedürfnis nach Liebe, das Menschen zu Mystikern macht (auch das wäre kein Gottesbeweis). Aber angenommen, die Religion wäre nur auf Angst zurückzuführen oder hätte andere Gründe. Wäre die Welt besser, wenn es keine Religion gäbe? D.h. wäre die Religion ein Mittel, um mit Existenz klarzukommen, ins Reine zu kommen, was wäre damit erklärt und bewiesen? Klar ist, dass aus der Funktion für den Menschen und der Notwendigkeit nicht auf etwas geschlossen werden kann. Es geht hier nicht um einen Gottesbeweis. Ebenso ist klar, dass es für einige keinen Sinn macht, an etwas zu glauben, das man nicht beweisen kann. Anderseits könnte man nicht etwas glauben, was eine Tatsache ist und gesichertes Wissen darstellt. Wenn man Gott nicht beweisen kann, müssen emotionale Zugänge die Welt zu erfassen vom Verstand nicht als Unfug abgetan werden. Geschichten über Odin diffamieren den Glauben als Phantasie und Mythos, während der Mythos in den Kategorien des Verstandes gemessen und als Schwäche abgetan wird.
Jedoch die Intention, vergangene Kulturen mit dem heutigen Denken zu analysieren, ist auch ein zweischneidiges Schwert. Glauben wir doch mehr zu wissen als die Völker damals. Gleichfalls ist zu unterscheiden zwischen Religion und dem, was gemeinhin als Glaube umschrieben wird, die tatsächlich, außer des Titels, nichts gemeinschaftliches besitzen. Ob diese Religion heute Katholizismus, Islam oder Wissenschaft genannt wird, ist ansich unerheblich. Ob vor einem jüngsten Gericht, Ragnarök, Dschihad oder einem schwarzen Loch gewarnt wird, verändert die Parameter nicht, sondern nur die Namen. Und sogar die Wissenschaft wirft sich stolz in die Brust, zwar auf gänzlich anderem Wege, aber dennoch darin etwas gefunden zu haben, das sich mit keinem Mittel leugnen lässt.
Die Unsitte, stets nach dem Widerspruch zu suchen und diesen hervorzuheben, macht alle einander unnahbar; und das nur unterschiedlicher Bezeichnungen wegen, die aber in Essenz dasselbe besagen. Allerdings liegt der Zusammenschluss nicht in einem Kompromiss, sondern in der Bloßstellung der Wirklichkeit.
Weder die Germanen noch die Christen, Mohammedaner oder die Wissenschaft haben sich ihre "Erkenntnisse" aus den Fingern gesaugt, dass irgendetwas reales dran sein muss und Religion, oder besser Glaube, nicht einfach als illusorisches Konstrukt abgetan werden kann; so sehr jeder davon auch in gewissen Hinsichten irrt. Die Frage nach institutioneller Religion oder Glaube ist daher zu differenzieren, wie der Begriff Glaube einer akribischen Beleuchtung bedarf. Zum einen beruht es auf einem gewissen Stolz, dass Glauben mit "nicht wissen" hervorgehoben wird und sich dadurch als unanfechtbar hinzustellen versucht. Der alltägliche Gebrauch beweist jedoch das Gegenteil. (Sicher ist Deutsch eine schwierige Sprache, dass "umfahren" und "umfahren" das Gegenteil bedeutet, aber darf dies auch beim Glauben so hingenommen werden?) Der Einstieg in die "deutsche Bahn" zeigt es deutlich, denn "...dass die pünktlich sind, glaube ich erst wenn wir angekommen sind...", womit Glaube plötzlich zum unumstößlichen Wissen wird, genau genommen sogar der Steigerung davon. Es ist nichts neues, dass kaum ein religiöser Gläubiger in der beschriebenen Art seine Religion glaubt, aber trifft dies auch auf vergangene Kulturen zu?