Bibliothek des Wissens

Inspirationen zum Nachdenken aus Natur- und Geisteswissenschaften

Eine Perspektive auf „Gut“ und „Böse“

(Mit Schwerpunkt auf Spinoza, Nietzsche und Deleuze)
Im philosophischen Denken, das bei Spinoza beginnt und über Nietzsche zu Deleuze führt, werden die Begriffe „gut“ und „böse“ von Grund auf transformiert. Diese Transformation ist nicht einfach ein Austausch von Werten: Moral basiert nicht länger auf Geboten, Gesetzen oder transzendentalen Zielen, sondern richtet sich nach Kraft, Verhältnis und Handlungsmacht. Aus dieser Perspektive ist der Tod zwar unvermeidlich und notwendig, zugleich jedoch immer das Ergebnis einer zufälligen, flüchtigen Begegnung, nämlich der Begegnung mit einem Körper, der mein Verhältnis zerstört. Ein theologisches Beispiel für diese Logik liefert Spinoza in seiner Interpretation der Geschichte vom Verbot, die Frucht des Baumes zu essen. Das göttliche Verbot offenbart Adam lediglich, dass die Frucht böse ist, d.h. dass diese Frucht das Verhältnis Adams zerstört: „So wie er uns durch die natürliche Vernunft offenbart, dass Gift tödlich für uns ist“ (vgl. Brief 19 an Blyenbergh; Tractatus theologico-politicus).

In diesem Horizont reduziert sich das Böse stets auf das Schlechte, und das Schlechte ist immer jenes, das mit Gift, Verdauungsstörungen, Vergiftung oder der Zerstörung von Verhältnissen zu tun hat. Selbst das Böse, das ich selbst begehe das, was man als böse Gedanken bezeichnen könnte ist nichts anderes, als dass ich ein Bild einer Handlung mit einem Objekt verbinde, das die Fähigkeit zur Erhaltung dieser Handlung ohne den Verlust seiner konstitutiven Verhältnisse nicht besitzt (vgl. Ethik, Teil 4,Lehrsatz 59). Daher liegt das Kriterium für die Unterscheidung von Gut und Böse weder in der Absicht noch im Gesetz oder in transzendentalen Werten, sondern in der Veränderung der Handlungsmacht. Alles, was die Handlungsmacht mindert, ist böse, alles, was sie steigert, ist gut. Traurigkeit, Hass, Bedauern, Schuldgefühle und all jene Leidenschaften, die uns von unserer Handlungsmacht trennen, kennzeichnen eine Verminderung der Kraft und müssen folglich verurteilt werden. Demgegenüber weisen Freude, Lust, Liebe und jede Art von Affekt, die die Handlungsmacht steigert, auf Gutheit hin.

Hieraus wird die Bedeutung von Spinozas umfassendem Kampf gegen trübsinnige Leidenschaften deutlich: Alles, was Traurigkeit reproduziert, dient der Unterdrückung, denn ein trauriger Mensch ist ein Mensch, der von seiner Kraft getrennt und bereit zur Unterwerfung ist. Deshalb sind nicht nur Reue und ein quälisches Gewissen, sondern selbst obsessive Reflexionen über den Tod, ebenso wie Hoffnung und Sicherheit, bei Spinoza verdächtig, da sie allesamt Zeichen von Ohnmacht und ausgesetzter Kraft sind (Ethik, Teil 4 Lehrsatz 47 und 67). In dieser Denktradition steht Spinoza neben Epikur und Nietzsche: Denker, die Moral nicht auf Entbehrung, sondern auf Steigerung der Lebensfähigkeit gründen. Es ist eine Schande, das Wesen des Menschen in seinen Schwächen oder ungeeigneten Begegnungen zu suchen. Das Wesen des Menschen liegt nicht im Mangel, sondern in der Kraft; nicht in Schuld, sondern in der Möglichkeit neuer Kombinationen.

In der klassischen Philosophie wurde das „höchste Gut“ meist als finales Ziel verstanden, dem alle Handlungen und Werte untergeordnet werden sollten. Bei Spinoza erfährt dieses Konzept jedoch eine grundlegende Transformation. Das höchste Gut ist kein transzendentes Ideal, sondern eine immanent und gemeinschaftlich erfahrbare Gutheit.Wenn wir das höchste Gut bei Spinoza fassen, kann es wie folgt formuliert werden: Das gemeinsame Streben der einzelnen Substanzen zur Steigerung ihrer Handlungsmacht durch geteilte Vorstellungen. Dieses höchste Gut ist weder ein wertvolles Ziel noch ein ethisches Endziel. Es bewegt sich nicht alles darauf zu; vielmehr ist es selbst ein konstruktiver Ausgangspunkt, der die Möglichkeit wahrer Tugend eröffnet. Tugend bei Spinoza bedeutet Kraft, Macht und Stärke; und diese Tugend führt schließlich zur dritten Art der Erkenntnis der Erkenntnis des freien Menschen (Ethik, Teil 5).

Deleuze radikalisiert diese Linie und sagt, dass das höchste Gut weder das Ende des Weges noch ein endgültiger Zustand ist, sondern der Ausgangspunkt unendlicher Werdensprozesse. Hieraus lässt sich die Verbindung zwischen Spinoza und Nietzsche herstellen. Das Konzept der „Fülle“ bei Nietzsche (in der Lektüre von Bataille und Klossowski) beruht genau auf dieser Logik: Jedes Wesen, jede einzelne Substanz strebt stets danach, ihre eigenen Kraftwirkungen zu steigern. Es gibt keinen stabilen Zustand, kein endgültiges Gleichgewicht und keine absolute Grenze der Macht. Jeder einzelne Zustand erkennt sich nur im nächsten erweiterten Zustand wieder. Es geht stets um Steigerung, Intensität, Fülle und gemeinsame Kräfte. Somit sind sowohl Spinozas „höchstes Gut“ als auch Nietzsches „Fülle“ unendliche Prozesse; Prozesse des Werdens, offen für neue Kombinationen und Singularitäten. Dabei ist zu beachten, dass Nietzsche in einigen Fällen das Streben nach Selbsterhalt bei Spinoza abstrakt liest und losgelöst von Konzepten wie gemeinsamen Vorstellungen interpretiert und es somit als nicht-füllend und sogar gegen den Willen zur Macht gerichtet versteht. Die Lektüre Deleuzes zeigt jedoch, dass, wenn der spinozistische conatus im Zusammenhang mit seinem gesamten Konzeptnetz verstanden wird, es nicht nur kompatibel mit der Fülle ist, sondern eine der reichhaltigsten philosophischen Formulierungen des Lebens darstellt.

Spinoza sagt im Teil 4 der Ethik, in der Anmerkung zu Lehrsatz 59: „Ein Beispiel wird dies klarer machen. Das Schlagen ist, sofern es als physische Handlung betrachtet wird und wir nur das ins Auge fassen, daß der Mensch den Arm erhebt, die Hand ballt und den ganzen Arm mit Kraft auf einen Gegenstand fallen läßt, eine Tugend, die aus dem Bau des menschlichen Körpers begriffen wird. Wenn also ein Mensch, von Zorn oder Haß bewegt, bestimmt wird, die Hand zu ballen oder den Arm zu bewegen, so geschieht es, wie ich im zweiten Teil gezeigt habe, weil eine und dieselbe Handlung mit allerlei Vorstellungen von Dingen verbunden werden kann. Daher können wir sowohl durch solche Vorstellungen der Dinge, die wir verworren, als auch durch solche, die wir klar und deutlich begreifen, zu einer und derselben Handlung bestimmt werden. Es ist also klar, daß jede Begierde, die aus einem Affekt, der ein Leiden ist, entspringt, von keinem Nutzen wäre, wenn die Menschen von der Vernunft geleitet werden könnten. Sehen wir nunmehr, warum eine Begierde, die aus einem Affekt, der ein Leiden ist, entspringt, von uns blind genannt wird.“

Aus diesen Aussagen Spinozas darf man nicht vorschnell den Schluss ziehen, „dass jeder Faustschlag schlecht sei“. Vielmehr hält Spinoza jenen Faustschlag für schlecht, der mit Vorstellungen der Passivität (Zorn, Hass) verknüpft ist, was in der Sprache Nietzsches eine Form der Reaktivität darstellt. Es ist eine spinozistisch-nietzscheanische Formel, die Deleuze aus dem innersten Kern dieser beiden Ungeheuer hervorholt: reaktive Kräfte und aktive Kräfte. Spinoza sagt: „Ein Mensch hebt seine Hand …“ dies ist reine Tugend. Betrachten wir jedoch dieselbe Handlung (die abstrakt betrachtet dieselbe ist, nicht aber real): „Eine menschliche Hand erhebt sich aus Zorn oder Hass …“ dann ist sie schlecht und giftig und vergiftet auch denjenigen, der die Hand erhebt. Diese Motive finden wir auch bei Nietzsche: „Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird; allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und Brodel-Ofen. Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.“ Also sprach Zarathustra; Dritter Teil;

Oder wenn Nietzsche Mitleid, Rache und Krieg zu bestimmten Zeiten für schlecht und zu anderen für gut hält; auch wenn er das Mitleid die meiste Zeit verurteilt, sagt er doch an einer Stelle in „Also sprach Zarathustra“, dass auch der Übermensch Mitleid kennt, jedoch ein Mitleid aus dem Überfluss der Kraft. Ganz ähnlich wie bei Spinozas Satz: „Ein Mensch hebt seine Hand“ schreibt Nietzsche auf dieselbe Weise die reine Tugend auch dem Mitleid-Üben oder dem Rache-Nehmen zu. Denn diese jeweilige Handlung entspringt nicht dem Hass, sondern ist eine reine Handlung: in der Sprache Spinozas geht sie aus der Natur des Menschen hervor, und in der Sprache Nietzsches quillt sie aus dem Inneren des Menschen hervor.In beiden Fällen muss sorgfältig beachtet werden, dass mit Mensch nicht der allgemeine Mensch gemeint ist, sondern der singuläre Mensch, also ein einzelnes, einzigartiges Individuum nicht der Mensch im Allgemeinen, nicht die Herde und nicht der normative ideale Mensch. Tugend ist immer meine Tugend und unterscheidet sich von deiner Tugend; nur die Wahnhaften glauben, eine Tugend zu sehen, die für mich und dich dieselbe sei.

Das könnte man aber betrachten als verengte Sichtweisen aus einer rein individuellen Perspektive. Gut und Böse sind jedoch keine individuellen Kategorien, sondern überpersönliche, die das Menschenwesen an sich betreffen. Sie stehen im direkten Zusammenhang mit der Freiheit des Menschen, denn diese braucht ein Regulat, damit sie des Menschen Bestimmung erfüllen kann. Und dieses Regulat nennt man Moral. Die dargestellten Sichtweisen Spinozas usw. erinnern an gutartige Tumore, die vielleicht nicht gleich tödlich sind, aber in ihrem Eigenleben den Wirt (die Gesellschaft) auszehren und schädigen. Böse kann eine Seele werden, wenn der Mensch an Kraft und Handlungsmacht gewinnt, das ist allgegenwärtig. Gut kann es für eine Seele sein, wenn der Mensch krank wird oder im Elend lebt. Das ist sogar die Regel. Die Frucht des Guten wurzelt im Staub und die Frucht des Bösen wurzelt oft im Überfluss. Die Dummheit des Menschen lacht dem Weisen ins Gesicht und der Gebildete weiß nichts von seiner Einbildung. So wuchert das Böse in den blauen Adern der Seelentiefen, die den Albträumen seine Abgründe verdanken. Weil der Mensch gut darin ist, sich vor sich selbst zu verstecken. So war es am Anfang und so ist es jetzt.

Spinoza sagt klar, dass die Natur kein gut und böse kennt. Gut und böse sind menschliche bzw. menschengemachte Relationen, die es gilt kraft der Erkenntnis der wirklichen Verhältnisse zu überwinden. Auch existiert für Spinoza nichts Flüchtiges oder Zufälliges. Vielmehr folgt jede Erscheinung aus der Notwendigkeit der Natur. Damit formuliert Spinoza einen radikalen christlichen Gedanken, den weder seine Zeitgenossen noch die Kirchen in seiner Konsequenz verstanden haben.