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Jacobis Kritik am modernen Rationalismus

Friedrich Heinrich Jacobis (1743–1819) Konzept des „Salto mortale“ (tödl. Sprung) bezeichnet den existentiellen Sprung vom rational nicht beweisbaren Wissen zum Glauben. Als Reaktion auf Spinozas Determinismus und die Aufklärung beschrieb er dies als notwendige Entscheidung für Freiheit und Gott, die das rationale System durchbricht. Dieser Glaube ist für ihn keine blinde Annahme, sondern ein unmittelbares Wissen. Jacobis Position lässt sich in mehreren allgemeinen Thesen zusammenfassen, darunter: „Der spinozistische Pantheismus ist nichts anderes als Atheismus“, jeder Weg des Argumentierens und Beweisens endet notwendig im Determinismus, jede Schlussfolgerung setzt eine Voraussetzung voraus, die ihrerseits bereits bewiesen sein müsste, und das Grundprinzip aller Voraussetzungen ist Offenbarung und Anschauung, und folglich: der Glaube ist das wesentliche Element der menschlichen Erkenntnis und Tätigkeit. Jacobi gelangt zu dem Ergebnis, dass alles menschliche Wissen auf einer Art Glauben beruhen müsse: „Im Glauben erkennen wir, dass wir einen Körper haben, und dass es andere Körper und andere denkende Wesen außerhalb von uns gibt, eine überaus erstaunliche und vollständige Offenbarung!“ Und wenn unser Glaube an den eigenen Körper und an die mechanische und natürliche Außenwelt letztlich auf Glauben (oder auf „unmittelbarer Gewissheit“) gegründet ist, warum sollten wir diesen Weg dann nicht bis zum Ende gehen und auch die Existenz eines personalen Gottes auf der Grundlage des Glaubens annehmen?

Jacobis Absicht bei diesen Aussagen lässt sich nur verstehen, wenn man berücksichtigt, worauf jede Argumentation überhaupt beruht. Spinoza war an demonstrativen Beweisführungen interessiert, die von Axiomen und Definitionen ausgehen. Axiome oder Postulate waren für ihn selbst-evidente Sätze (etwa die Behauptung, dass „wenn eine Ursache gegeben ist, die Wirkung notwendig eintritt“). Spinoza konstruiert zunächst mithilfe solcher Axiome und evidenten Definitionen (die ihrerseits keiner Begründung bedürfen) den ersten Lehrsatz und leitet aus diesem den zweiten ab und so weiter bis zum Ende.

Wenn man jedoch tiefer blickt und die Wurzeln der spinozistischen Philosophie verstehen will, zeigt sich: Spinozas gesamte großartige Philosophie ruht auf den Säulen eben dieser einfachen und scheinbar selbstverständlichen Definitionen. Jacobi behauptet, diese Axiome und Definitionen seien nichts anderes als intuitive Überzeugungen. Doch worauf gründen sich diese intuitiven Überzeugungen? Nicht auf einem weiteren Argument oder einer weiteren Ableitung, sondern auf einer einfachen Anschauung; sie bedürfen keines Beweises und keiner Demonstration. Diese Grundsätze erscheinen bei Jacobi als so selbstverständlich angenommen, als hätten wir einen bedingungslosen Glauben an sie. Auch Kant musste beim Aufbau seiner Philosophie gewisse Prinzipien voraussetzen, etwa die Anschauungsformen von Raum und Zeit sowie die Kategorien des Verstandes (wie beispielsweise die Kausalität). Diese Prinzipien waren bei Spinoza unmittelbare, beweisfreie Einsichten; bei Kant hingegen a priori gegebenes Wissen, das als notwendige Struktur des Bewusstseins vorausgesetzt werden musste.

Schopenhauer maß diesem Punkt später große Bedeutung bei. Er, der die Welt als Erscheinungsform eines grundlegenden metaphysischen Prinzips namens „Wille“ verstand, versuchte den Willen durch eine einfache und unmittelbare Anschauung zu begründen. Schopenhauer behauptete sogar, wenn man Mathematik und Wissenschaft nicht auf dem Wege der Ableitung (wie es Euklid getan hatte), sondern auf der Grundlage reiner und unmittelbarer Anschauungen vorantreiben würde, gelangte man zu einer exakteren Wissenschaft.

Die Bedeutung von Jacobis Argument liegt darin, dass er behauptet: Wenn jede von uns vorgebrachte Argumentation und jeder Beweis letztlich auf Voraussetzungen beruht, die selbst keines Beweises bedürfen, dann besteht das Fundament jedes philosophischen Systems in einem Glauben an diese reinen Anschauungen. Jacobi stellt durch ein Wortspiel eine Verbindung zwischen diesem Glauben und dem religiösen Glauben her und folgert, dass Philosophen, die über ein eigenes philosophisches System verfügen, den Gläubigen an einen personalen Gott keinen Vorwurf machen sollten; denn auch diese Gläubigen gründen ihre Religion auf eine innere, herzliche Anschauung Gottes. Jacobi betrachtete den Ausweg aus dieser philosophischen Krise als einen Sprung, den er den tödlichen Sprung (salto mortale) nannte. Er war der Auffassung, dass wir gezwungen sind, gewisse erste Prinzipien auf dem Wege des Herzens und des Gefühls anzunehmen; andernfalls würden wir in den verderblichen Skeptizismus Humes verfallen. Dieser Sprung ist in Wahrheit ein Sprung vom Rationalismus zum Gefühl. Allerdings verwarf Jacobi den Rationalismus nicht schlechthin; vielmehr richtete sich seine Kritik an Rationalisten und Kantianer gegen die Einsicht, dass es prinzipiell unmöglich sei, mittels der Vernunft alle erkenntnistheoretischen Probleme vollständig zu lösen.

Jacobi meinte, das Grundprinzip der Philosophie Spinozas sei nichts anderes als das Prinzip des hinreichenden Grundes. Er argumentierte, Spinoza habe im Gegensatz zu den Philosophen seiner Zeit (wie Wolff und Leibniz) den Mut gehabt, dieses Prinzip bis zum Äußersten zu treiben und dessen unvermeidliche Konsequenzen aufzuzeigen, welche nach Jacobis Auffassung im Mechanismus und in einem naturalistischen Determinismus bestünden (obgleich man hinzufügen muss, dass Spinozas Philosophie angesichts seines Begriffs des conatus keineswegs mechanisch gewesen ist). Der Sinn dieses Prinzips besteht darin, dass jedes Ereignis in der Welt einen hinreichenden Grund besitzen müsse; das heißt: Wenn dieser Grund gegeben ist, kann das betreffende Ereignis gar nicht anders, als sich zu verwirklichen. Auf dieser Grundlage gelangt Jacobi zu dem Schluss, dass es so etwas wie einen freien Willen nicht geben könne (da der freie Wille nicht dem Prinzip des hinreichenden Grundes folgt) und folglich werde es weder einen schaffenden Gott geben noch werde der Mensch über eine echte Freiheit verfügen.

Spinoza scheute sich freilich nicht, diese Konsequenzen in der Ethik ausdrücklich zu formulieren: Er verwarf sowohl die Existenz eines schaffenden Gottes als auch die Freiheit des menschlichen Willens. Jacobi verwendete den Ausdruck „tödlicher Sprung“ (salto mortale) gegenüber Lessing, da er meinte, Lessing (wie auch die Philosophen seiner Zeit) gehe gewissermaßen auf dem Kopf und müsse durch einen gefährlichen Sprung nämlich durch einen unvernünftigen Glaubenssprung gerettet werden. In diesem Sinne betrachtete Jacobi die Rettung als einen „unvernünftigen Glauben“, ein Motiv, das später auch Pascal und Kierkegaard in ihrer Philosophie behandelten. Nach Jacobi führen sowohl Rationalismus als auch Naturalismus zu ein und demselben Ergebnis, das Spinoza optimistisch und Hume pessimistisch dargestellt hätten: nämlich zum Atheismus, zum Skeptizismus und schließlich zum Nihilismus (das Wort Nihilismus wurde in der Geschichte der Philosophie erstmals von Jacobi verwendet).

Vielleicht ist es an dieser Stelle interessant, auch den Ausdruck „Sprung in den Tod“ bei Nietzsche in den Blick zu nehmen. Nietzsche kritisiert in Also sprach Zarathustra die Jenseitsgläubigen, die sich vom irdischen Leben abwenden, und behauptet, all diese Bestrebungen, eine andere Welt zu erreichen, seien das Produkt von Trägheit, Müdigkeit und Überdruss. Tatsächlich würden die Menschen, weil sie schwach seien und sich den gedanklichen und praktischen Problemen der Gottlosigkeit und des Atheismus nicht zu stellen vermögen, das Jenseits und den Glauben an Gott erfinden. Nietzsche schreibt: Müdigkeit, die mit einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge, eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr wollen will: die schuf alle Götter und Hinterwelten. Jacobi hat einen wichtigen Punkt, den man nicht kleinreden sollte: Jede Begründung endet irgendwann bei Voraussetzungen, die selbst nicht mehr bewiesen werden können. Vernunft trägt sich nicht vollständig selbst. Soweit gehe ich mit.

Problematisch wird es dort, wo Jacobi diese letzten Voraussetzungen pauschal als „Glauben“ bezeichnet und dann eine Brücke zum religiösen Gottesglauben schlägt. Denn hier wird ein entscheidender Unterschied verwischt. Die Gewissheit, einen Körper zu haben, in einer Welt zu leben und Erfahrungen zu machen, ist kein bloßer Glaube, sondern beruht auf eigenem Erleben. Diese Gewissheiten sind zwar nicht beweisbar, aber sie sind erfahrungsfundiert, leiblich, intersubjektiv anschlussfähig und jederzeit korrigierbar. Sie sind die Bedingung von Erfahrung selbst. Ein personaler Gott dagegen wird nicht erlebt, sondern gedacht, erzählt, gedeutet. Er ist keine Erfahrungsgewissheit, sondern eine transzendente Setzung. Beides einfach unter dem Begriff „Glaube“ zusammenzufassen, ist philosophisch unsauber. Dass Vernunft ihre eigenen Grundlagen nicht beweisen kann, heißt nicht, dass jede unbeweisbare Annahme epistemisch gleichwertig ist. Zwischen Erfahrungsgewissheit und religiöser Fiktion liegt ein qualitativer Unterschied. Der „salto mortale“, den Jacobi fordert, ist daher kein notwendiger Sprung, sondern eine freiwillige Deutung.

Jacobi diagnostiziert die Grenzen des Rationalismus richtig – aber seine Therapie führt weiter, als sie logisch trägt. Jacobi hat einen wichtigen Punkt, den man nicht kleinreden sollte: Jede Begründung endet irgendwann bei Voraussetzungen, die selbst nicht mehr bewiesen werden können. Vernunft trägt sich nicht vollständig selbst.

Hierzu gilt noch zu bedenken, derart bereits Descartes Prinzip, gar kein Naturprinzip repräsentiert, sondern sich stattdessen auf der etablierten Mathematik begründet, die gemäß dessen Ursprungsbezug des lateinischen Substantivs, das Subjekt überhaupt nicht enthält. Während hingegen des Descartes Prinzip noch den Dualismus beinhaltet, ist dieser gemäß der neuen Mathematik bei Spinoza entsprechend monistisch. In dieser Mathematik existiert der Raum als solcher nicht mehr und das Gegenständliche begründet sich auch nicht mehr in seiner geometrischen Grundlage, sondern gemäß unserer heutigen Grafiken entsprechend, auf dem Punkt und der 'verbindenden' Linie - worin eben einzig der Punkt eine Substanz repräsentiert, jedoch selbst über keine Räumlichkeit verfügt.