Die Konsumgesellschaft
Der Französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard behauptet in seinem Buch „Die Konsumgesellschaft“, dass die Ausbeutung, insofern sie durch Enteignung (der Arbeitskraft) erfolgt gerade deshalb, weil sie einen kollektiven Bereich betrifft und eine bestimmte Schwelle überschreitet, zu einem Faktor der Solidarität werden kann. Auf diese Weise führt sie (relativ) zu einem Klassenbewusstsein.
Doch das gelenkte Eigentum an Dingen und Konsumgütern besitzt seinerseits einen individualistischen, antisolidarischen und ahistorischen Charakter. Der Arbeiter als Produzent und selbst aufgrund der Arbeitsteilung setzt die Anwesenheit der anderen als selbstverständlich voraus; er gelangt zu dem Bewusstsein: Alle werden ausgebeutet. Der Mensch hingegen als Konsument wird wieder vereinzelt und führt ein zelluläres Leben. Allenfalls wird er gruppenförmig (das Familienfernsehen, Menschen, die in Stadien oder Kinos gehen). Die Strukturen des Konsums sind zugleich äußerst fließend und dennoch geschlossen. Lässt sich eine Koalition der Autofahrer gegen Mautplaketten oder ein kollektiver Protest gegen das Fernsehen überhaupt vorstellen? Millionen von Fernsehzuschauern mögen die ausgestrahlten Werbespots missbilligen und dennoch werden sie weiterhin gesendet. Dies liegt daran, dass der Konsum in erster Linie wie ein regulierter Diskurs organisiert ist und trotz der Befriedigungen, die er verschafft, und all seiner Verführungen im Rahmen eines minimalen Austauschs allmählich seine Wirksamkeit einbüßt. Das Konsumobjekt isoliert das Individuum.
Die Konsumenten befinden sich in der gegenwärtigen Situation wie die Arbeiter zu Beginn des 19. Jahrhunderts: unbewusst und unorganisiert. Deshalb werden sie überall von Ideologen als öffentliche Meinung gepriesen als eine geheimnisvolle, gottähnliche und souveräne Realität. Ebenso wie die Demokratie das Volk preist, unter der Bedingung, dass das Volk sich nicht von seinem Platz erhebt und sich nicht in politische und gesellschaftliche Angelegenheiten einmischt. Das heutige Volk sind die Arbeiter, aber Arbeiter, die sich nicht mehr organisieren.
Karl Marx erklärt, dass „Ausbeutung“ dem kapitalistischen System inhärent ist (Kapital bedeutet die Produktion von Mehrwert, und dies ist nichts anderes als die Ausbeutung von Arbeitskraft). Folglich entsteht eine Klasse: die Arbeiterklasse. In der Vergangenheit waren Kämpfe gegen den Kapitalismus stets klassenbezogen, kollektiv und umfassend. Heute jedoch hat das System ein erschreckendes Phänomen hervorgebracht: den “Konsum”. Der Konsum bildet im Gegensatz zur Ausbeutung nicht einmal eine Klasse; vielmehr führt er zur Klassenauflösung und zur Individualisierung. Heutzutage existiert kein großer, umfassender Kampf gegen das System mehr.
Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek ist darüber derart erstaunt, dass er an einer Stelle feststellt: Heute wird nicht einmal mehr über diese Fragen gesprochen, und die Notwendigkeit des Kapitalismus erscheint so selbstverständlich, dass es leichter vorstellbar ist, die Erde zu zerstören, als den Kapitalismus abzuschaffen. Baudrillard betrachtet die Wurzel dieses Zustands und hält die Taktik des „Konsums“ durch das System für höchst wirksam. Konsum isoliert das Individuum, entfernt es von der Klasse und raubt ihm somit auch das Bewusstsein. Auf diese Weise streiken Fahrer von Schwerlastfahrzeugen, Arbeiter in ein oder zwei Fabriken protestieren, und andere Menschen kämpfen für die Interessen anderer Gruppen oder Schichten, doch sie sind isoliert und voneinander entfremdet. Klassenkämpfe bleiben stets stumm und entstehen nicht, weil die Klasse durch die Taktik des Konsums zersplittert und in einzelne, isolierte, einsame und entfremdete Einheiten verwandelt wird.