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Der Kynismus und die Kyniker

Der Kynismus war eine philosophische Strömung im 5. und 4. Vorchristlichen Jahrhundert, die parallel zur platonischen Lehre entstand, ihren Schwerpunkt aber auf die Bedürfnislosigkeit und die Skepsis setzte. Die Bezeichnung Kynismus leitet sich ursprünglich vom Kynosarges, einem Athener Gymnasion ab, in dem Antisthenes, ebenfalls ein Schüler des Sokrates unterrichtete. Diese Halle war an jener Stelle erbaut worden, an der sich einst das Heiligtum des Herakles Kynosarges befand, das seinen Namen wiederum einer mythologischen Erzählung, in der ein Hund (kyon) eine maßgebliche Rolle spielte, verdankt.

Die Stoa, die aus dem geistigen Umbruch nach dem Untergang der griechischen Polis hervorgegangen war, erfuhr in Rom nach dem Zusammenbruch der Republik eine umfassende Erneuerung. Von allen philosophischen Richtungen hatte die Stoa den Römern besonders zugesagt, da sie eine Ethik verkündete, welche sich auf das praktische Leben zuschneiden ließ. Zwar wurden im Unterricht der Schullehre Logik und Physik berücksichtigt, doch verlagerte sich in der Kaiserzeit das Hauptgewicht auf die Ethik. Das besondere Interesse für ethische Fragen ermöglichte es, dass neben der Stoa noch eine andere philosophische Bewegung sich erneuern konnte, der Kynismus.

Hervorgegangen aus der Sokratik, konzentrierten sich die Kyniker von jeher auf das Individuum. Da sie nie ein philosophisches Lehrgebäude entwickelt hatten, sondern sich in ihren Grundsätzen vornehmlich an der exemplarischen Lebensweise des Diogenes von Sinope und des Krates von Theben orientierten, bedeutete Kyniker-Sein, diese beiden Autoritäten nachzuahmen. Das Fehlen eines schriftlichen Kanons brachte es mit sich, dass Epigonen die Handlungen und Verhaltensweisen der alten Kyniker oft imitierten, ohne deren Sinn zu verstehen oder zu verwirklichen. Da zudem der Kynismus durch sein Ziel der völligen Autarkie an die totale Besitzlosigkeit gebunden war und daher auch jede formale Bildung ablehnte, war er besonders geeignet, unlautere Elemente anzuziehen.

Nicht zuletzt trugen der zunehmende Luxus und die laxer gewordene Lebensauffassung dazu bei, einen fruchtbaren Boden für kynische Wanderprediger zu schaffen. Diese, meist aus dem griechischen Osten stammend, waren oft nicht mehr als Landstreicher. Mit Mantel, Stock und Brotsack, den kynischen Attributen ausgestattet, zogen sie bettelnd herum und erlaubten sich unter dem Deckmantel kynischer Redefreiheit jegliche Beleidigung. Solche Auswüchse sind für das 2. Jh. n. Chr. besonders aus den Schilderungen Lukians bekannt, der nicht müde wurde, die Schein-Kyniker zu attackieren. Selbst noch im 4. Jahrhundert sah sich Kaiser Julian herausgefordert, gegen die "ungebildeten Hunde" loszufahren und den wahren Kynismus zu verteidigen. Aus dieser anonymen Masse ragen einige Gestalten heraus, deren kynische Einstellung von den Zeitgenossen ernster genommen wurde.

Der erste uns namentlich bekannte Kyniker in Rom war Demetrius, ein Freund Senecas. Von diesem hoch geschätzt und geradezu als Ideal-Kyniker dargestellt, erscheint er im Urteil des Tacitus nicht frei vom Vorwurf der moralischen Doppelbödigkeit. Ebenso zwiespältig wurde Peregrinus beurteilt. Uneingeschränkte Hochachtung zollt Lukian hingegen dem Kyniker Demonax, dessen menschenfreundliches Wesen ihn als wahren Nachfolger des Krates auszeichnete. Der etwas ältere Dion von Prusa kann nur für die Zeit seiner Wanderjahre als Kyniker in Anspruch genommen werden. Epikets Berührung mit dem Kynismus reicht in seine eigene philosophische Erziehung zurück. Sein Lehrer C. Musonius Rufus war, als echter Römer, in erster Linie bestrebt, die stoische Ethik im Alltag zu verwirklichen und sie als Erzieher in Form praktischer Lebensregeln zu vermitteln. Geleitet wurde er dabei von zwei Grundgedanken, der positiven Einstellung zur sittlichen Askese, einem Zentralbegriff der kynischen Ethik.

In dieselbe Richtung weist auch seine Betonung des einfachen Lebens als Voraussetzung der Arete. Zwar wird in den einzelnen Aufzeichnungen nichts namentlich Kynisches erwähnt; der deutliche Einfluss des Panaitios von Rhodos lässt sogar eher vermuten, dass Musonius einem demonstrativen Kynismus, wie Diogenes ihn vertrat, abgeneigt war. Aber dadurch, dass er die rigorosen kynischen Grundsatze in sublimierter Form der stoischen Ethik einverleibte, gab er der kaiserzeitlichen Stoa eine neue kynische Färbung. Sein Schüler Epiktet ging einen Schritt weiter, indem er seine Einstellung zur kynischen Lebensform klar umrissen darlegte. Dass in der Stoa, bewirkt durch ihre Abstammung vom Kynismus, noch geraume Zeit nach Zenon die Frage erörtert wurde, ob der Weise die kynische Lebensweise als Abkürzungsweg zur Tugend auf sich nehmen soIl, ist durch mehrere Gewährsmänner bezeugt. Epiktets Ansicht ist uns in ausführlicher Form in der Diatribe und als Abriss derselben überliefert.

Die philosophische Lehre, die Epiktet dem Kyniker in den Mund legt, basiert grundsätzlich auf der Lehrmeinung der alten Stoa. Allerdings hatte Epiktet die altstoische Ethik mit Rücksicht auf ihre praktische Anwendung wesentlich vereinfacht und seinen eigenen Vorstellungen entsprechend in ein knappes System von Kernsätzen gebracht. Da die kynische Bewegung im Gegensatz zur stoischen Schule kein schriftlich fixiertes Lehrsystem besaß, konnte Epiktet für seine Darstellung des idealen Kynikers auf keine kanonischen Schriften zurückgreifen. Für die Ausarbeitung seines kynischen Leitbildes schöpfte er, sofern Diogenes und Krates als Vorbilder dienten, aus der reichen Anekdoten- und Apophthegmen-Überlieferung. lm Fall von Sokrates, den Epiktet als Beispiel des kynischen Menschen-Erziehers einführt, können wir die Quelle genau bestimmen. Was Epiktet an stoischen Lehrsätzen und populär-philosophischen Gemeinplätzen aufgenommen hat, wird im Kommentar zu den betreffenden Stellen nachgewiesen. Der populär-philosophischen Unterweisung entsprechend durchsetzt auch Epiktet die Diatriben mit Dichter-Zitaten. Diese beschränken sich auf die Ilias und auf einen Vers aus einem Gebet des Kleanthes.

Unter den erhaltenen Diatriben nimmt die Tiberinus den Kynismus durch ihre thematische und formale Geschlossenheit einen besonderen Platz ein. Zwar weist auch sie die typischen Stilmerkmale auf, z.B. den fiktiven Zwischen-Redner, historische und mythologische Exempla, Anekdoten, Dichter-Zitate, Kataloge, Metaphern, Vergleiche, rhetorische Fragen und Antworten, Antithesen und Parallelismen. Aber, verglichen mit der Großzahl der übrigen Diatriben Epiktets, gleicht im Tenor eher dem belehrenden Traktat, wie er für die Aufzeichnungen von Musonius' Unterweisungen und auch für Philon charakteristisch ist. Der Gang der Erörterung ist nicht, wie üblich, sprunghaft, sondern das eine Thema wird gegliedert abgehandelt. Aufgelockert ist der Vortrag durch eingestreute Aufforderungen an den Fragesteller bzw. den fingierten Zwischen-Redner. Nachdem Epiktet, wie angekündigt, die falsche Vorstellung vom Kynismus kurz abgetan hat, entwirft er ausführlich das Bild des wahren Kynikers:

lm Gegensatz zu Lukian, der in seinen bissigen Satiren vor allem den Missbrauch des Kynismus aufzeigte, und zu Musonius, der zwar seine Ethik roit kynischen Zügen durchsetzte, aber auf den Kynismus nicht ausgesprochener maßen einging, entwirft Epiktet in der Diatribe ein geschlossenes Bild vom wahren Kyniker. Der negative Teil, die Kritik an den Schein-Kynikern, nimmt dabei nur einen bescheidenen Raum ein, während die positive, programmatische Darstellung im Vordergrund steht. Diese wird durch vier kynische Vorbilder bestimmt: Heraldes, Sokrates, Diogenes und Krates. Die in sophistischen Kreisen entwickelte Auffassung von Herakles als dem Helden, der als herumziehender Wohltäter der Menschheit seine Rolle erfüllt, wurde für den Kynismus fruchtbar gemacht. Als Menschenfreund und sittlicher Kämpfer, der seine Abkunft von Zeus durch die Arete beweist, hat ihn auch der kaiserzeitliche Kynismus gesehen. So kann Epiktet ihn als mythologisches Exempel der Tugendprobe dem Kyniker an die Seite stellen, der sich als Bote und Zeuge Gottes unter den Menschen den sittlichen Prüfungen unterzieht.

Das meistzitierte philosophische Vorbild in Epiktets Diatriben ist Sokrates. Ohne dass er speziell für den Kynismus in Anspruch genommen wird, herrschen in der Darstellung die asketischen Züge seines Wesens vor. Das Porträt von Sokrates als Sittenlehrer der Menschheit, wie es im pseudo-platonischen 'Kleitophon' gezeichnet ist, bot eine besonders gute Parallele zum wahren Kyniker. Die Verwendung derselben Vorlage bei Dion Chrysostomos und in der ps.plutarchischen Schrift über Kindererziehung zeigt, wie wegweisend diese Auffassung von Sokrates für das populär-philosophische Erziehungsideal der Kaiserzeit war. Die philanthropischen Züge des Ideal-Kynikers sind in erster Linie Krates entliehen. dessen mildes und menschenfreundliches Wesen geradezu sprichwörtlich war.

Der Prototyp des wahren Kynikers ist jedoch Diogenes von Sinope; er gilt als Autorität schlechthin. Vergleichen wir aber Epiktets Diogenes-Porträt mit jenem Bild, das wir aus dem Bios bei Diogenes Laertios gewinnen, so ist ein Unterschied nicht zu übersehen. Wie schon erwähnt, greift auch Epiktet für seine Darstellung auf keine anderen Quellen als die weitverbreitete Anekdoten-Literatur zurück, wo er nur ausgewählt hat, was seiner eigenen Vorstellung vom (wahren) Kyniker entsprach. So bleibt das Betteln, das verschiedentlich bezeugt ist, unerwähnt.

Die Charakterisierung von Diogenes als Agnostiker und Kritiker kultischer Handlungen wird durch die geschickte Apophthegmen-Wahl in wenn nicht widerlegt, so zumindest abgeschwächt. Zwei Fälle erhärten sogar die Vermutung, dass Epiktet Anekdoten umformte, um sie dem Zusammenhang einzupassen. Die religiöse Auffassung des Kynikers-Berufes, d.h. in Kyniker in erster Linie den Sendboten und Zeugen Gottes unter den Menschen zu sehen, ist Epiktets persönliche Prägung, hat er sich doch offensichtlich von allen Stoikern einen theistischen Gottesbegriff am meisten genähert. Gemein-stoischer Einfluss zeigt sich besonders im Teil über das Verhältnis des Kynikers zu den sozialen Pflichten. Maßstab ist dabei der stoische Weise, der, obwohl er zur Eudaimonie nur der Tugend bedarf, als Glied der menschlichen Gesellschaft soziale Pflichten zu erfüllen hat. Von den übrigen Menschen unterscheidet er sich darin insofern, als er diesen Pflichten in idealer Weise nachkommt und somit für seine Umwelt ein Exempel darstellt. Wenn Epiktet nun den wahren Kyniker von diesen Verpflichtungen entbindet, so steht dahinter nicht die Ablehnung dieser Pflichten, sondern der Gedanke des Verzichts. Nach stoischer Schullehre stellen die äußeren Dinge wie Freundschaft, Ehe, Kindererziehung, Politik zwar Adiaphora dar, sind also für die Sittlichkeit eines Menschen indifferent. Aber, zur Gruppe der bevorzugten außer-sittlichen Dinge gehörig, besitzen sie gegenüber den naturwidrigen, zurückgestellten Dingen wie Krankheit, Armut etc. einen relativen Wert. Im Dienst der größeren Gemeinschaft, der Kosmopolis, verzichtet der ideale Kyniker auf alle Bindungen innerhalb seiner unmittelbaren Umwelt. In dieser Haltung zeigt sich eine deutliche Abkehr vom alten Kynismus. Dort war die Freiheit grundsätzlich negativ bestimmt; Diogenes befreite sich von der Last sozialer Pflichten, weil nur die absolute Autarkie zur vollkommenen Apathie führt. Dass für Epiktet die sozialen Bindungen und Pflichten Dinge sind, deren relativer Wert mit der Sittlichkeit des Ausführenden steigt, erhellt auch aus der Einstufung von Kyniker und stoischem Weisen. Kyniker-Sein ist nicht die Endstufe auf einer Leiter philosophischer Ideale, sondem ein Ausnahmezustand, der nur in der Übergangszeit, d.h. solange es noeh philosophisch ungebildete Menschen gibt, Berechtigung hat und daher einer besonderen Eignung und Berufung bedarf. Ist der Idealzustand in einer Gesellschaft sittlich Gebildeter erreicht, so wird die Sonderrolle des Kynikers überflüssig; denn dieser wird sich dann in keiner Weise mehr vom stoischen Sapiens unterscheiden.