Theorie der wirklichen Handlung
Die Theorie der wirklichen Handlung ist ein zentraler Bereich der Philosophie des Geistes, der Handlungstheorie und der Sozialwissenschaften. Sie beschäftigt sich mit der Frage, was eine bewusste, zielgerichtete Tätigkeit von einem bloßen Ereignis oder Verhalten unterscheidet. Handlungstheoretische Fragestellungen sind – obwohl die Handlungstheorie als definierte philosophische Disziplin eine Schöpfung der Moderne ist – bereits seit der Antike Gegenstand philosophischer Untersuchung.
Wenn Spinoza sagt, wir wüssten noch nicht, was ein Körper vermag, dann ist dieser Satz nicht bloß eine erkenntnistheoretische Behauptung, er ist eine Art Kriegserklärung gegen eine langlebige Tradition der Philosophie. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit weg von den endlosen Debatten über Bewusstsein, Seele und die angebliche wesensmäßige Überlegenheit des Geistes über den Körper und führt sie auf eine völlig andere Ebene, die Ebene der Vermögen, der Kapazitäten und der realen Kräfte. Über Jahrhunderte haben Menschen von der Herrschaft der Seele über den Körper gesprochen von den erhabenen Pflichten des Geistes und vom Sturz des Körpers in den Bereich der Begierden und Verirrungen, ohne auch nur zu fragen, welche Kräfte der Körper als natürliche Wirklichkeit besitzt und was er zu leisten vermag. Genau hier hat in der Lesart von Gilles Deleuze eine moralistische Geschwätzigkeit die eigentliche Philosophie ersetzt.
Solange die Diskussion im Rahmen der „Macht der Seele oder Geist über den Körper“ verbleibt, verliert das Sprechen von Vermögen und Kraft seinen präzisen Sinn. In dieser Perspektive wird der Seele aufgrund ihrer vermeintlich höheren und teleologischen Natur eine erhabenere Aufgabe zugeschrieben,als gäbe es besondere Gesetze, deren Subjekt sie selbst ist, die ihr das Recht zur Herrschaft verleihen. Demgegenüber erscheint die Macht des Körpers entweder bloß als ausführendes Instrument oder als störende Kraft, die die Seele von der Erfüllung ihrer moralischen Pflichten abbringt. Diese Denkweise bleibt im Horizont der Moral verhaftet: Die Aktualität der einen Seite entspricht der Passivität der anderen. Das Handeln der Seele zieht das Leiden oder Erleiden des Körpers nach sich und umgekehrt.
In der Philosophie von Rene Descartes findet dieses Schema seine Ausformulierung in der Theorie der wirklichen Handlung. Geist und Körper sind zwei verschiedene Substanzen, die durch eine Art wechselseitiger Einwirkung miteinander verbunden sind: Wo der eine handelt, wird der andere affiziert. Doch Spinoza transformiert dieses begriffliche Gefüge von Grund auf. In der Ethik, insbesondere im dritten Teil, stellt er ausdrücklich fest, dass die Ordnung der Handlungen und Leiden des Körpers kraft der Natur dieselbe ist wie die Ordnung der Handlungen und Leiden des Geistes. Was im Geist Handlung ist, ist auch im Körper Handlung; was im Geist Leiden ist, ist auch im Körper Leiden.
Der Parallelismus in diesem Sinne bedeutet nicht bloß die Verneinung einer direkten kausalen Einwirkung zwischen Geist und Körper. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass er das in den früheren Theorien verborgene moralische Prinzip umkehrt. Jenes Prinzip, das stets den einen als überlegenen Handelnden und den anderen als untergeordnet Leidenden einsetzt. Im System Spinozas gibt es keine wesensmäßige Überlegenheit, kein spirituelles Darüberhinaus und keine moralische Teleologie der Seele. Geist und Körper sind zwei Ausdrucksweisen ein und derselben Wirklichkeit, zwei Attribute einer einzigen Substanz. Daher kann man keinen transzendenten Gott mehr heranziehen, um die eine dieser beiden Reihen zur Grundlage der anderen zu machen oder eine Hierarchie zwischen ihnen zu errichten. In diesem Rahmen lautet die grundlegende Frage nicht mehr, wie die Seele über den Körper herrschen soll, sondern welches Maß an Wirkmacht und Affizierbarkeit jedes Seiende, insbesondere der Körper besitzt. An die Stelle moralischer Urteile über Gebote und Verbote tritt die Bestimmung der Kräfte und ihrer Relationen. Spinozas Kriegserklärung ist in Wahrheit eine Einladung, den moralischen Horizont zu verlassen und in den Bereich einer Ontologie der Vermögen einzutreten, dorthin, wo der Wert eines Dinges nach seiner Macht zu handeln und nach dem Maß der Steigerung oder Minderung seiner Lebenskraft bemessen wird, nicht nach seiner Übereinstimmung mit vorausgesetzten Pflichten des Geistes.
Aus Spinoza's monistischem Prinzip erfolgt zwangsläufig das Newton'sche, worüber es spezifierend seine Er-/Klärung erfährt, wobei hingegen Newton, gemäß Leibniz, markanterweise eine 'dritte Gesetzmäßigkeit' erkannte, nämlich die der Ausgewogenheit. So er-/klärt sich vor allem darüber auch das etablierte Prinzip des abgrenzenden monistischen Dualismus, welcher ein sowohl als auch, wie auch ein weder noch repräsentiert und somit auch im Jeglichen einzig zu Verklärungen führt. "...Geist und Körper sind zwei verschiedene Substanzen, die durch eine Art wechselseitiger Einwirkung miteinander verbunden sind..." Ist dieser Dualismus nach heutigen Erkenntnissen noch sinnvoll? Nein. Dieser cartesianische Dualismus hat nichts anderes als erkenntnistheoretische Verwirrung gebracht. Ich finde auch, dass Spinoza eine sehr feine Interpretation der menschlichen Existenz geliefert hat. Da uns faktisch ja nur Interpretationen zur Verfügung stehen, gibt es keinen Grund, sich nicht für die persönlich sympathischste zu entscheiden. "Wahr" ist in diesem weiten Feld diverser Auslegungen schließlich immer, was wir unwiderlegt glauben dürfen.